Vernon Dure

Weihnachts­Wunder­Wasser

Die Quelle

Es war einer der schlechteren Tage: Nach dem Aufwachen hatte er das Gefühl, unterhalb seines Kehlkopfes dränge der Korken einer heftig geschüttelten Champagner-Flasche nach Befreiung. Er versuchte noch, den aufsteigenden Schmerz zu ignorieren, der schließlich explodierte und nadelspitze Pfeile tief in Ludwigs Bauchhöhle jagte.

Ein Dutzend Ärzte hatte er bereits aufgesucht. Alle hatten sie ihn nach den Untersuchungen als unheilbar abgeschrieben. Nun hoffte er, sein Leidensweg fände bald ein Ende: Professor Z. war seine letzte Hoffnung, an die er sich verzweifelt klammerte. Die Internet-Seite der Spezialklinik war ihm wie ein Wink des Himmels erschienen.

Ohne lange nachzudenken, hatte Ludwig seine Patientenakte, die von Arzt zu Arzt umfangreicher geworden war, an die Klinik geschickt. Wenige Tage darauf hatte der Professor angerufen, ihm Hoffnung gegeben und auf seinen umgehenden Besuch gedrängt. Noch am gleichen Tag hatte Ludwig einen Termin mit der Klinik vereinbart.

Und jetzt diese Panne: Der Motor streikte. Zum Glück passierte es mitten in Höxter. Die Übernachtungsfrage löste sich von selbst: Der Wagen rollte vor dem Eingang eines Hotels aus. Die Dame an der Rezeption bot an, das Auto von einem Reparaturbetrieb abschleppen und reparieren zu lassen. Ludwig überließ ihr den Wagenschlüssel und telefonierte mit der Klinik, dass er wegen der Panne erst später anreisen könne.

Verärgert über die Verzögerung, aber beruhigt über die unbürokratische Unterstützung durch das Hotel, unternahm er einen Spaziergang, um auf andere Gedanken zu kommen. Bald ließ er die weihnachtlich geschmückten Gassen der historischen Altstadt hinter sich und stapfte gedankenverloren einen holprigen Fußsteig am Fuße eines bewaldeten Hanges entlang: Ein Passant hatte ihm die aufwendigen Bauten für die Umsiedlung der ›gemeinen Schlingnatter‹ als sehenswert empfohlen und den Weg dorthin erklärt.

Das gleichmäßige Rauschen des Feierabendverkehrs auf der Bundesstraße verstummte, die Bahnschranke schloss sich, von einem klagenden Bimmeln begleitet. Ein Regionalbahnzug dröhnte über die Gleise. Die Fahrzeuge setzten sich wieder in Bewegung. Ludwig lief an einer Mauer entlang auf einer schmalen Asphaltstraße. Der Verkehrslärm wurde leiser.

Ohne seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, näherte er sich einem verwilderten Haus auf der linken Seite der Straße. Ein freundliches »Guten Abend« riss ihn unvermittelt aus trüben Gedanken: Auf einer niedrigen Mauer hatte eine ältere Dame, deren weißes Haar feenhaft vor dem grünen Hintergrund von Büschen leuchtete, ein Plaid ausgebreitet und sich gesetzt.Neben ihr plätscherte Wasser in einem dünnen Strahl aus der Mauer in eine mit Platten ausgelegte Vertiefung.

Die Dame entfaltete einen Becher aus Edelstahl und schob ihn in den Strahl. Gluckernd füllte sich das Gefäß. Sie hielt Ludwig den Becher auffordernd hin. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht: »Geschmacklich eher suboptimal.«

»Es soll ja nicht schmecken, sondern heilen«, tadelte die ältere Dame und gönnte sich ihrerseits einen Becher. »Das Wasser entwickelt um die Weihnachtszeit heilende Wirkung. Natürlich nur, wenn man an Wunder glaubt.« Ihr Lächeln zauberte eine Unzahl von Fältchen auf ihr Gesicht. »Was treibt Sie eigentlich nach Höxter?«

Zögernd berichtete Ludwig vom Zweck seiner Reise. Dass er auf die ärztliche Kunst von Professor Z. setze. Zugleich wunderte er sich, warum er einer wildfremden Frau seine persönliche Geschichte erzählte.

Die Dame bemerkte seine Irritation und entschuldigte sich: »Meine Neugier ist quasi Berufskrankheit. Ich war bei der Kriminalpolizei. Wieso sind Sie denn von der Kunst von Professor Z. überzeugt? Warum glauben Sie ihm mehr als den anderen Ärzten?« Ludwig starrt sie verwirrt an: »Was haben sie gegen den Professor? Auf seiner Internet-Seite gibt es Dutzende von Fällen, die für seine ärztliche Kompetenz sprechen. Und meine erstes Telefonat mit ihm hat mir sofort Hoffnung vermittelt.«

Die weißhaarige Dame lachte. Inzwischen dämmerte es. In dem Haus neben der Straße warf ein Fenster seinen gelben Schein auf die Wiese. »Ich habe nichts gegen Z. Aber ist es nicht ziemlich blauäugig, seine Hoffnung auf jemanden zu setzen, den man nur aus dem Internet kennt?«

Darauf hatte Ludwig keine Antwort. Die ehemalige Kriminalbeamtin half ihm aus seiner Verlegenheit: »Hoffnung ist eine seltsame Sache: Setzt man sie in einen Menschen, wird sie oft enttäuscht. Vertraut und hofft man auf Gott, gibt es keine Enttäuschungen. So erging es Martin Luther in einer schweren Erkrankung. Er setzte seine Hoffnung nur auf Gott, als er das heilkräftige Wasser eines Brunnens trank. Es half: Sein intensiver Glaube heilte ihn.«

»Wer kann denn in dieser brutalen Welt noch an einen Gott glauben?« Ludwig unterstrich seine Worte mit einer abweisenden Geste. »Ich bin überzeugter Atheist und damit bisher gut gefahren! Religion ist ein Krückstock für die Einfältigen. Sie glauben doch nicht etwa an Gott?«

Die Dame nickte aus tiefster Überzeugung. Ludwig erahnte die Bewegung der Weißhaarigen in der Dunkelheit nur. »Ohne den Glauben an Gott hätte ich meinen Beruf und die Ungerechtigkeiten, mit denen ich konfrontiert wurde, nicht lange ausgehalten.« Eine Weile blieb es still. Der Schein des Fensters erlosch. Einige Sterne funkelten zwischen langsam dahinziehenden Wolken.

»Möchten Sie noch einen Schluck?« Sie reichte Ludwig den Becher. »In kleinen Schlucken trinken. Und vor dem Schlucken im Mund bewegen. Dann hilft es garantiert. Gerade jetzt, wo es weihnachtet.«Ludwig trank zwar, blaffte die Dame aber zornig an: »Wunderheilung? Ist doch Quatsch! Nur Idioten glauben daran.« Abrupt stand er auf und lief Richtung Stadt davon.

Mit dem Handy beleuchtete er den Weg vor sich, um nicht zu stürzen. Im Hotel warf er sich aufs Bett, ohne seine Kleidung abzulegen. Von Schmerzen und Zweifeln gequält, dauerte es lange, bis er einschlief. Die Dame von der Quelle geisterte durch seine Träume.

Hiobsbotschaft

Vor dem Frühstück am nächsten Morgen fragte er an der Rezeption nach seinem Wagen: Der sei fertig und würde gegen zehn Uhr zum Hotel gebracht. Ludwig möge in aller Ruhe frühstücken. Erfreut machte er sich auf zum Frühstücksraum und schaute sich dabei die Auslagen der hell beleuchteten Vitrinen links und rechts des Ganges an.

Eine Ankündigung der Märchengesellschaft Höxter und ein daneben angehefteter Zeitungsausschnitt weckten seine Aufmerksamkeit: »Verbrechen und Wunder im Märchen – Vortrag mit musikalischer Untermalung von Kriminalrätin Dr. Vera Stappen«. Das von grauen Locken umrahmte Gesicht kam ihm entfernt bekannt vor. Dann schaute Ludwig auf das Datum der Zeitung: Der Vortrag hatte bereits vor fünf Jahren stattgefunden.

Eilig stellte er ein spartanisches Frühstück zusammen und war froh, endlich weiterreisen zu können. Die Reparaturkosten hielten sich in erfreulichen Grenzen. Zusätzlich hatte der Monteur den Wagen noch durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und vollgetankt.

Die Fahrt zur Klinik verlief ohne weitere Aufenthalte. Professor Z. legte nach dem Aufnahmegespräche etliche Untersuchungen fest, die mehrere Tage in Anspruch nehmen würden. Ludwigs Ernährung wurde noch am gleichen Tag umgestellt. Die Untersuchungen kosteten Kraft. Eine Tomographie musste abgebrochen werden, weil er in dem röhrenden Ungetüm eine Panikattacke erlitt. Die Pflegerinnen beruhigten ihn: Sobald er die individuelle Spezialtherapie des Professors beginnen würde, ginge es ihm besser.

Ludwig schwankte zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Mit steigender Ungeduld brachte er die Reihe der Untersuchungen hinter sich: Er wollte endlich Gewissheit!

Der Professor bat ihn schließlich zum Abschlussgespräch. Nach einer Weile des Schweigens hob er in einer entschuldigenden Geste die Hände. »Der Tumor wäre an sich operabel.«

»Aber?« Angst schoss in Ludwigs Magen. Der Professor fuhr mit bedauerndem Gesichtsausdruck fort: »Leider hat sich der Tumor einen extrem ungünstigen Platz ausgesucht: Die Operation würden Sie nicht überleben.« Die Stille lastete schwer in dem mit Edelholz getäfelten Büro des Professors.

»Es tut mir leid, Ihre Hoffnungen enttäuschen zu müssen. Gegen die zu erwartenden Schmerzen verfüge ich allerdings über ausgezeichnete Medikamente aus eigener Entwicklung mit geringen Nebenwirkungen.

Nicht ganz preiswert, aber im Vergleich zu konservativer Therapie deutlich wirksamer. Ich stelle Ihnen gerne eine individuelle Medikation zusammen, sodass Sie mit Allem versorgt sind. Das macht Sie von anderen Ärzten unabhängig, um die Sie im eigenen Interesse einen großen Bogen machen sollten.«

Ludwig nickte schwerfällig. Er musste mehrfach schlucken, bevor er die Frage über die Lippen brachte: »Wie lange noch?«

Bevor er Ludwig antwortete, gab der Professor telefonisch Anweisung, für den Patienten die erforderlichen Medikamente bereitzustellen. »Einige Wochen. Höchstens. Wenn der Tumor eine Gefäßwand durchbricht, geht es sehr schnell.«

Der Professor reichte ihm die Hand, klopfte ihm bedauernd auf die Schulter. »Sie können gerne die Zeit bei uns verbringen. Das würde Ihnen Vieles erleichtern.«

Benommen taumelte Ludwig aus dem Büro. Aus, vorbei! Die Gedanken rieselten durch seinen Kopf: Soll er in der Klinik auf seine Ende warten? Entsetzen schüttelte ihn: Alles, nur das nicht. Bloß weg von dem Ort, an dem seine allerletzte Hoffnung wie eine Seifenblase platzte.

Glaube und lebe!

Ludwig packte, nahm das Medikamentensortiment nebst exorbitanter Rechnung in Empfang und stieg wie betäubt in den Wagen. Warum er wieder in Höxter Station machte? Er konnte es nicht erklären. In der Hotelbar betrank er sich.

Der nächste Morgen fand ihn mit trockener Kehle und pochenden Schläfen im gleichen Zimmer wie bei seinem ersten Besuch. Ludwig erinnerte sich nicht, wie und wann er ins Bett gekommen ist. Unrasiert und ohne Dusche warf er seinen zerknitterten Anzug über und schlurfte zum Frühstücksraum.

Nach dem ersten Bissen wurde ihm übel. Der starke Kaffee verschaffte ihm keine Linderung. Am liebsten hätte er seinen Zorn gegen Gott und die Welt laut heraus gebrüllt. Doch dazu fehlte ihm der Mut. Ziellos ließ er sich durch den Ort treiben. Irgendwann landete er zu seinem Ärger bei der Quelle im Taubenborn. Er fluchte aus tiefster Seele: »Zum Teufel mit Luther! Zum Teufel mit Gott!«

Eine brüchige Stimme ermahnte ihn, an diesem Ort der Heilung nicht zu fluchen. Ludwig drehte sich verlegen nach der Sprecherin um, die er vorher gar nicht bemerkt hatte: Es war die ältere Dame mit dem faltbaren Edelstahlbecher. Sie beugte sich zur Quelle hinunter und füllte den Becher für ihn. Trotz seiner Abneigung stürzte er die kalte Flüssigkeit durstig hinunter und schüttelte sich. Die ältere Dame musterte sein ungepflegtes Äußeres: »Sie müssen in Zukunft mehr auf sich achten, junger Mann!« Ludwig lachte, bis ihm die Tränen kamen. »Für welche Zukunft denn? Ich habe keine Zukunft mehr!«

Die Dame schüttelte bedächtig den Kopf, trank selbst in kleinen Schlucken von dem Quellwasser. »An diesem Ort hat jeder eine Zukunft! Niemand weiß das besser als ich. Wenn die Not am größten, ist der Herrgott am nächsten. Glauben Sie nicht, das sei nur ein dummer Spruch!« Sie hielt ihm den erneut gefüllten Becher hin.

»Wenn es Ihnen hilft, ist es ja gut. Ihre Zuversicht habe ich leider nicht, nachdem mir mein Arzt eröffnet hat, dass ich bald unter Schmerzen krepieren werde«, klagte Ludwig. Wütend klappt er den Becher zusammen, Wasser tropfte über seine Finger.

Die Dame zog Ludwig den Becher aus der Hand, entfaltete ihn wieder und hielt ihn unter den Strahl der Quelle. Während das Wasser in den Becher gluckerte, lächelte sie Ludwig unwiderstehlich an: »Es ist das Wasser des Lebens! Denken Sie an Martin Luther: ›Wer an mich glaubt, wird leben ...‹«

Ludwig schüttete den Inhalt des Bechers in seine ausgetrocknete Kehle, dankte der Dame müde mit einem Kopfnicken und stolperte zurück zum Hotel. Der Ausflug hatte ihn total erschöpft.

In der Nacht kam er nicht zur Ruhe: Als ob der Schlaf vor ihm fliehen würde. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere und bat die Rezeption um sechs Uhr telefonisch, die Rechnung zu erstellen: Er wollte nur noch nach Hause und sich vor der verdammten lebenslustigen Welt verbergen.

Ludwig zerrte den Rollenkoffer hinter sich her zum Aufzug. Dort brach er bewusstlos zusammen und erwachte in einem schlichten Krankenzimmer. Jemand in einem weißen Kittel beugte sich über ihn. »Hören Sie mich? Was war denn mit Ihnen los?«

Ludwig fühlte sich schwach, hatte aber keine Schmerzen. Mühsam erklärte er, sein Zusammenbruch hinge wohl mit dem Tumor zusammen. Wahrscheinlich habe er jetzt eine Gefäßwand durchbrochen. Der Arzt blickte ihn irritiert an: »Welcher Tumor?« Ludwig zweifelte bereits an der Kompetenz des Provinzkrankenhaus-Arztes. »Meine Ärzte haben mich aufgegeben. Selbst Professor Z. konnte mich nicht mehr operieren, weil der Tumor so ungünstig sitzt.«

»Sie haben keinen Tumor«, entfuhr es dem Arzt ungeduldig. Ludwig widersprach voller Ärger: »Das ist doch Quatsch! Ultraschall, Röntgenaufnahmen, Computer-Tomographien zeigen allesamt das Gleiche: einen Tumor. Das ist bis zum Erbrechen dokumentiert!«

Der Arzt lachte bitter: »Damit können wir auch dienen. Und ich versichere Ihnen, da ist nichts! Nicht die Spur eines Tumors! Glauben Sie doch nicht einem Scharlatan wie Professor Z. Sie wären nicht der Erste, dem er Hoffnung gemacht hat, um ihm anschließend viel Geld für seine nutzlosen Schmerztherapien aus der Tasche zu ziehen.«

Ludwig wusste nicht, was er davon halten sollte: »Wieso Scharlatan? Das ist doch eine seriöse Klinik. Spezialisiert auf hoffnungslose Fälle wie mich. Wenn alle anderen Ärzte aufgegeben haben.«

»Das soll ja auch seriös wirken. Schließlich will er Ihr Geld. Und viele, die nach langem Leidensweg bei ihm landen, sind tatsächlich hoffnungslose Fälle. Darauf spekuliert der saubere Herr Professor. Denn dann kann er ihnen Placebos als teure Spezialtherapie verkaufen.«

Der Arzt redete sich in Rage. »Glauben Sie mir, wir kennen Professor Z. zur Genüge. Die Polizei konnte ihm nur noch nicht das schmutzige Handwerk legen. Abgesehen davon, gehören Sie gar nicht zu seiner Zielgruppe: Sie sind nicht todkrank!«

Ludwig verstand die Welt nicht mehr. »Aber die anderen Ärzte. Ich bin doch von Pontius zu Pilatus geschickt worden. Als ich den Professor im Internet fand, kam mir das wie ein Zeichen vor. Ich bin mit allen Unterlagen zu ihm gefahren. Schauen Sie in meinem Koffer nach: Da sind Dutzende von Röntgenaufnahmen drin.«

Der Doktor nickte beruhigend: »Wir schauen uns Ihre Unterlagen in Ruhe an. Bringen Sie sie vorbei. Heute Nachmittag reden wir weiter. Vielleicht finden wir ja die Ursache für Ihren Zusammenbruch. Gehen Sie in der Zwischenzeit Spazieren. Frische Luft täte Ihnen sicher gut.«

Ludwig lieferte seine Unterlagen ab und tigerte nervös im Hotel auf und ab. Die Rezeptionistin wurde auf ihn aufmerksam: »Ist alles in Ordnung? Kann ich etwas für Sie tun?« Ludwig winkte ab und floh in den Gang zum Restaurant.

Vor der Vitrine mit der Ankündigung der Märchengesellschaft hielt er inne, schaute sich das Bild genauer an: Das war zweifelsfrei die Dame von der Quelle! Neben ihm blieb jemand stehen. »Das Bild wurde vor fünf Jahren aufgenommen. Nur wenige Tage vor ihrem Tod. Frau Dr. Stappen ist viel zu früh verstorben. Ihr Glaube an das Weihnachtswunderwasser aus der Quelle im Taubenborn hat zwar etlichen anderen geholfen, aber ihr selbst leider nicht.«

Ludwig schaute den bärtigen Mann mit offenem Mund an: »Sie ist … tot? Seit fünf Jahren? Aber ich habe sie doch die Tage erst gesehen! Ich …« Er verstummte abrupt: In der Seitentasche seines Jacketts fühlte er einen runden Gegenstand. Konsterniert zog er einen zusammengefalteten Edelstahlbecher hervor. In der Innenseite des Deckels leuchtete eine eingravierte Inschrift: »Glaube und Lebe!« Der Bärtige fragte erstaunt: »Sie kannten Frau Dr. Stappen? Sie benutzte auch so einen Edelstahlbecher.«

Ludwig brummte ein unverständliches »Mhhh« und beeilte sich, ins Krankenhaus zu kommen. Er wunderte sich nicht, dass die Ärzte kopfschüttelnd alte und neue Röntgenaufnahmen verglichen: Er war gesund! Keine Spur eines Tumors auf den neuen Aufnahmen.

Beschwingt schritt er die Treppe in der Eingangshalle hinunter. Seine Finger glitten über die Inschrift im metallenen Deckel des Bechers, während sein Blick lange auf dem Engel mit den goldenen Flügeln vor dem Eingang des Krankenhauses ruhte. »Glaube und lebe«, murmelte er.

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