Vernon Dure

Schwarze Kunst

Ein Kurzroman in Tweets

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln.

Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille.

Ungestört schlendere ich durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. »Sie interessieren sich für die Kunst des Druckens?«

Italienischer Akzent? Sein Gesicht bietet meinem Blick keinen Halt: nicht Mann, nicht Frau. Etwas dazwischen. Ein Zwitter-Gesicht auf einem Hals, der wie die Stange eines Kleiderständers aus einem unmodernen Anzug mit Weste ragt.

»Wieso fragen Sie?«, reagiere ich überrascht, denn ich halte ihn für eine Aufsicht des Museums. Er streckt mir wortlos einen abgeschabten Karton entgegen. Die Deckelseiten sind nach innen gefaltet.

Ich erkenne silbrig glänzende Lettern und eine Setzschiene, einen ›Winkelhaken‹, wie er mir erklärt. »Probieren Sie es.« Ich verstehe nicht, was er meint. »Setzen Sie etwas Bedeutsames. Das ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.«

Er betont das Wort ›Kunst‹, als schmecke er etwas Exquisites. Entschlossen stellt er den Karton auf einem Tischchen ab und verneigt sich leicht. Ohne Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, verschwindet er in den verzweigten Gängen. Ich zögere, will ihm ein »Nein. Vielen Dank!« hinterher rufen. Doch er ist schon fort. Nicht einmal seine Schritte höre ich.

Bin hin- und hergerissen: Sollte ich nicht einfach gehen? Oder doch bleiben?

Was soll das Ganze? Seufzend sinke ich auf einen Stuhl vor dem zerbrechlich wirkenden Tischchen. Wähle Lettern aus dem Karton und reihe sie auf der Tischplatte aneinander.

Geschwärzt vom häufigen Gebrauch stehen die Buchstaben spiegelbildlich vor mir. Die Bleisockel zeigen matten Glanz, fühlen sich klebrig an, wie geölt.

Ich setze wahllos Buchstaben auf den Winkelhaken. Etwas Bedeutsames soll ich setzen? Mir fällt nur der einfältige Satz »Wo bist Du? Ich bin hier« ein. Buchstabe für Buchstabe wühle ich aus dem Durcheinander im Karton heraus.

Unverständliches Geplapper aus dem Nebenraum lenkt mich ab: Da war doch niemand mehr. Ich springe auf und schaue in den angrenzenden Raum: Er ist leer. Nachdenklich kehre ich an das Tischchen zurück. Auf der Schiene steht ein Wort: »Lettern!«

Das habe ich nicht gesetzt! War jemand hier? Ich schüttele die Lettern in den Karton und beginne von Neuem. Setze Buchstabe für Buchstabe auf den schweren Winkelhaken: »Wo bist D...«.

Eine unsichtbare Kraft schiebt meine Buchstaben ungeduldig klappernd von der Schiene. Was immer ich nun setze, wie durch einen Zauber erscheint stets nur: »Lettern«.

Irritiert suche ich den älteren Herren, der mir den Karton in die Hand drückte. An der Kasse erfahre ich überrascht, dass es hier keinen älteren Herrn als Aufsicht gibt.

Da habe sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Die Bleilettern gehören entsorgt: in die Gitterbox neben dem Ausgang. Erleichtert lasse ich den Karton hinein fallen.

»Schwarze Kunst« wird fort­ge­setzt und zu ge­ge­be­ner Zeit als Taschen­buch/E-Book ver­öffent­licht.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing

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