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Woran ich (gerade) arbeite ...

Der Berg

Fantasy aus Höxter

Bielefeld, Radio Westfalia, August 2018

Gülay Witthake, die hochgewachsene Klimawissenschaftlerin aus Ostwestfalen, schaute geistesabwesend aus dem Studiofenster in das dichte Schneetreiben: »Es hat begonnen!« In den letzten Minuten hatte sie sich nicht mehr an der nervigen Diskussion beteiligt, ob der Klimawandel nun eingetreten sei oder nicht. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie die Studiotür aufgerissen wurde. Der Moderator sperrte irritiert die Mikrofone. Die rote Leuchtschrift »Auf Sendung« erlosch. Der junge Mann, der aufgeregt hereingestürmt war, hielt dem Moderator einen Zettel hin und lief im Eilschritt hinaus.

Die ernsten Worte des Moderators weckten sie aus ihren Gedanken: »Meine Dame, meine Herren! Ich erhielt soeben eine Mitteilung, aufgrund derer ich unsere Diskussion als beendet bezeichnen darf. Unsere Meterologen haben ein ausgedehntes System von Schneestürmen und Tiefsttemperaturen über dem Nordatlantik ausgemacht, das an Stärke ständig zunimmt und sich immer weiter nach Süden ausbreitet. Die Meteorologen erwarten eine mehrwöchige Kälteperiode über der ganzen Nordhalbkugel. Damit dürfte Frau Dr. Witthakes Auffassung, der Klimawandel sei tatsächlich bereits eingetreten, endgültig durch die Realität bestätigt sein. Ich schließe die Runde vorzeitig und empfehle Ihnen, sich schnellstmöglichst auf den Heimweg zu machen. Die Straßen werden in wenigen Stunden unpassierbar sein. Ich hoffe und wünsche uns allen, dass wir uns irgendwann gesund und munter hier wiedersehen werden.«

Hastig rannten alle Beteiligten der Diskussionsrunde aus dem Studio. Der Moderator hielt Gülay mit einem Wink zurück. Müde drückte er ihre Hand: »Ich danke Ihnen für ihre stete Ruhe und Sachlichkeit. Sie waren immer ein helles Licht unter den vielen wissenschaftlichen Dumpfbacken. Ich hoffe, Sie überleben das Chaos auf irgendeine Weise. Sie haben es verdient.« Dann klopfte er ihr leicht auf die Schultern und verließ das Studio. Er ging gebeugt, wirkte auf einmal furchtbar alt, obwohl er nur wenig älter als Gülay sein mochte. Sie verließ das Gebäude schnell und schlurfte durch die weiße Pracht. Bei jedem Schritt stoben die Flocken wie Motten um ihre Beine.

»Hoffentlich schaffe ich es noch nach Fürstenau!«, entfuhr ihr ein Stoßgebet, als die Räder beim Verlassen des Parkplatzes durchdrehten. Die Sommerreifen boten nicht die besten Voraussetzungen für eine Fahrt durch trockenen Pulverschnee. Solange es noch Spuren anderer Fahrzeuge gab, ging es einigermaßen voran. Doch schließlich schlingerte sie allein durch das dichte Treiben winziger Flocken. Der Scheibenwischer schob den Schnee nur noch mühsam beiseite und teilte den Blick nach vorn in regelmäßige Portionen. Der stressigen Fahrt zum Trotz glitten Gülays Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Bestätigung

John McDee war vor einigen Jahren in ihr Leben getreten: Auf einem Klimatologen-Kongress in Aberdeen hatte sie ihn kennengelernt. Für seine extreme Position, der Klimawandel würde die Nordhalbkugel in einigen Jahren schlagartig unbewohnbar machen, wurde er ausgelacht. Abends traf sie ihn an der Hotelbar wieder. Über einigen Whiskeys lernten sie sich kennen: ein angenehmer, unaufdringlicher Gesprächspartner. Er lud sie ein, seine Theorie am nächsten Tag in seinem Labor in Aberdeen selbst zu überprüfen. Dann war er schwankend in seinem Zimmer verschwunden.

Sie glaubte nicht, dass er es ernst gemeint hatte. Trotzdem fuhr sie nach dem Frühstück zur angegebenen Adresse. Er war schon da. Ziemlich verkatert zwar, aber gut vorbereitet: Er erläuterte seine Theorie, seine Annahmen, seine Quellen und die verwendete Software. Dann überließ er Gülay das Labor und verschwand in einer Kammer mit Pritsche.

Kurz darauf hörte sie ihn regelmäßig schnarchen. Sie prüfte sorgfältig jedes Detail, ließ Johns Modell mehrfach auf verschiedenen Rechnern und mit unterschiedlicher Software laufen. Dann änderte sie einige seiner Annahmen entsprechend ihres eigenen Modells. Nach etlichen Stunden hockte sie erschüttert auf ihrem Stuhl: Die Ergebnisse waren schockierend und bestätigten Johns Position so eindeutig, dass keine Zweifel blieben.

Obwohl es erst früher Nachmittag war, dämmerte es bereits. Sie suchte nach etwas Essbarem und wurde in einer winzigen Kochnische fündig. Duftende Rühreier mit Speck lockten John schließlich aus seiner Kammer. Sie aßen schweigend. Erst beim Abräumen des Geschirrs bemerkte John: »Es hat Dich auch umgehauen?« Gülay nickte stumm. »Was jetzt?« Johns Frage schwebte lange unbeantwortet im Raum. Sie straffte sich mit einer heftigen Bewegung: »Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde vorbereitet sein. Lass mich einige Ausrüstungen mit langen Lieferzeiten gleich von hier aus bestellen. Brauchst Du auch etwas? Soll ich für Dich mitbestellen?«

Nach einem Moment des Nachdenkens schüttelte er den Kopf: »Das ist nicht mein Weg, mit der Erkenntnis umzugehen.« Als sie fertig war, umarmten sie sich. Er küsste verlegen ihre Wange und drückte sie aufgewühlt an sich. »Du wirst es schaffen. Du überlebst dieses Chaos. Ich wünsche Dir alles Gute!« Hastig schob er sie aus der Tür und schloss sie rasch.

Verwirrt war sie ins Taxi gestiegen. Ihr Flug hatte Verspätung. Sie versuchte, John anzurufen, hinterließ eine Nachricht auf seiner Sprachbox, da er sich nicht meldete. Wenige Tage nach ihrer Heimkehr erhielt sie eine Mitteilung, John habe sich das Leben genommen.

Gülay war so erschüttert, dass sie in einer Kneipe versackte. Nachdem sie wieder nüchtern war, setzte sie ihre Vorbereitungen umso verbissener fort. Bald war der alte Hof, Erbe ihres Großvater, für den Ernstfall gerüstet.

»Der Berg« wird fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.

Scorpionidae

Ein Höxter Fiction-Krimi

Der Einschlag

In der 1968 neu gegründeten Volkssternwarte Hannover auf dem Wasserhochbehälter am Lindener Berg sind Amateurastronomen versammelt. Sie beobachten einen Schwarm von Meteoritenbruchstücken, der in die Erdatmosphäre eintritt. Die meisten Brocken verglühen: ein ansehnliches Spektakel am nächtlichen Himmel. Wenigstens ein Bruchstück scheint groß genug gewesen zu sein, um bis zur Erdoberfläche durchzuschlagen. Die Auswertung der Flugbahn lässt auf einen Einschlagspunkt zwischen Godelheim und Höxter schließen.

Die eilig eingeleitete Nachsuche durch einen telefonisch benachrichtigten Höxteraner Hobbyastronomen bleibt ergebnislos. Nur in der Umgebung einer der Grundlosen fällt ihm eine ungewöhnliche Verwüstungszone auf: Alles deutet auf eine heftige Überflutung hin. Wasserdampfschwaden hängen in den umgebenden Büschen und Bäumen und der Wasserspiegel der Grundlosen liegt deutlich niedriger als gewöhnlich. Gasblasen brodeln aus dem schwarzen Wasser. Der Hobbyastronom vermutet, dass das Meteoritenbruchstück hier einschlug und die Überschwemmung verursachte. Er bricht die Suche ab, weil unter diesen Umständen keine Aussicht auf Bergung des Einschlagstückes besteht. Enttäuscht notiert er seine Beobachtungen in einem Notizbuch und ergänzt einige knappe Skizzen.

Die Pannemann

Susanne schäumte immer noch vor Empörung gegen ihre »Zwangsversetzung« in den Aktenkeller. Sie ließ ihren Unmut an den Cannelloni auf dem Teller vor ihr aus: Wütend hackte sie mit dem Löffel darauf ein, als müsse sie ihr Leben gegen die Teigware verteidigen. Die silbergefassten Türkise an ihren Fingern klapperten aggressiv. Zwei Tische weiter steckten einige Kantinenbesucher die Köpfe zusammen, warfen ab und zu verstohlene Blicke zu ihr hinüber.

Klar: Die Mitarbeiter tuschelten über sie. Vor allem die Mitarbeiterinnen! »Die Pannemann« betitelte man sie hämisch-mitleidig, seit sie von einem Mordverdächtigen bei dessen geplanter Festnahme überwältigt und entführt wurde. Immer wieder quälte sie sich durch die schrecklichen Ereignisse. An jeden verdammten Moment erinnerte sie sich. Bis zu dem Augenblick, wo sie mit entsicherter Waffe vor dem Verdächtigen stand.

Sie las es in seinen Augen: Kampflos würde er sich nicht festnehmen lassen. Er sprang vor, sie drückte ab, wunderte sich über das Ausbleiben des Rückstoßes. Der Verdächtige nutzte ihre Überraschung aus und schlug sie nieder. Filmriss! Oder hatte sie gar nicht abgedrückt? Oder hatte die Pistole eine Ladehemmung? Aber sie hatte ihre Waffe doch vor der Aktion noch sorgfältig kontrolliert.

In einen Kofferraum kam sie zu sich. An Handgelenken und Knöcheln schnitten straff zugezogene Kabelbinder brennende Wunden, die jede Bewegung übelnahmen. In ihrem Kopf rumpelte eine Geisterbahn schlingernd durch halsbrecherisch enge Kurven. Über dem linken Ohr spürte sie warme Feuchtigkeit. Motorölgeschmack breitete sich in ihrer Kehle aus: Ein ölgetränkter Lumpen steckte als Knebel in ihrem Mund. Während der Wagen offenbar über unbefestigte Wege holperte, rutschte Susanne hin und her. Es roch nach Benzin und Waffenöl. In jeder Rechtskurve stieß ihr ein harter Gegenstand schmerzhaft in die Nierengegend.

Aufjaulend wankte der Wagen durch ein Schlagloch. Susannes Kopf knallte auf die Gummimatte, die den Kofferraumboden bedeckte. Wieder ein Stoß in die Nieren. Diesmal bekamen ihre Hände den Gegenstand zu fassen: ein ausziehbarer Radmutternschlüssel. Der Wagen stoppte unvermittelt, die Fahrertür wurde aufgerissen. Susanne spürte in der Federung, dass der Fahrer ausstieg. Angst schoss in ihre Kehle, sie verkrampfte sich.

Der Kofferraumdeckel schwang nach oben, gedämpftes Licht stach in ihre Augen. Kiefern ragten über ihr in den bedeckten Himmel. Der Verdächtige zerrte sie mit einer Hand herunter auf den Waldboden, schnitt die Kabelbinder an ihren Knöcheln durch. Als sie nicht reagierte, riss er sie brutal auf die Füße und stieß sie vorwärts. Susanne stolperte, konnte sich wegen der Handfesseln nicht abfangen. Mit dem Gesicht landete sie in trockenen Kiefernnadeln. Spuckend rollte sie auf die Seite.

Ihr Entführer lehnte sein Gewehr an einen Kiefernstamm, packte sie am Kragen ihrer Jacke, hob sie hoch wie einen Sack Kartoffeln. Hilflos strampelte Susanne in der Luft, bevor er sie auf die Füße fallen ließ. Der Stoß mit dem Gewehrlauf war Anlass genug, voran zu stolpern. Sie bewegten sich auf einem schmalen Steig parallel zu einem steilen Abhang. Keine Anhaltspunkte, wo sie sich befanden. Susanne vermutete, irgendwo im Solling zu sein. Jedoch verriet kein Geräusch die Nähe einer Straße oder einer Ansiedlung.

Ein Krachen von brechendem Geäst ließ beide nach links schwenken. Der Verdächtige peilte angestrengt den Hang hinauf, schwenkte suchend sein Gewehr in diese Richtung. Susanne sah ihre Chance: Sie hechtete bergab zwischen die Stämme, schlug Haken. Schüsse peitschten, Holzsplitter tanzten um ihren Kopf. Zu hastig sprang sie in großen Sätzen weiter, geriet aus dem Gleichgewicht. Stürzend rollte sie sich zusammen. »Hoffentlich schlage ich mir nicht den Schädel ein!« Sie hatte Glück und landete weich in Unmengen vertrockneter Nadeln. Nur weiter! Auf Händen und Füßen robbte sie weiter, wunderte sich nicht einmal, wieso ihre Hände frei waren. Auf dem abschüssigen Hang wurde sie schneller und endete nach einer unbeabsichtigten Rolle vorwärts schmerzhaft an einer Kiefer. Nadeln und Aststücke rieselten herab. Zweige peitschten um ihren Kopf.

Sie hörte den Verdächtigen, der rasch, aber nicht hastig den Abhang hinunter stieg. Susanne machte sich stocksteif, wagte nicht, ihre Augen zu öffnen, atmete mit offenem Mund. Ihr Herz raste: Ihr Puls musste meilenweit zu hören sein! Wenn sie jetzt aufsprang, bot sie ihm ein deutliches Ziel. Sie spürte einen Schatten auf ihrem Gesicht: Er hatte sie! Unendlich langsam hoben sich ihre Lider. Ungläubig blinzelte sie: Der Mann mit dem Gewehr lief an ihr vorüber, entdeckte sie unter den tief herabhängenden Zweigen nicht. Suchend blickte er nach links und rechts.

Susanne wand sich aus den Zweigen und kroch parallel zum Abhang davon. Wollte nur Abstand zwischen sich und den Mörder bringen. Das Brummen eines Motors ließ ihr Herz hüpfen: Eine Straße! Wenn sie es bis zur Straße schaffte, wäre sie gerettet. Von ihrem Verfolger war nichts zu sehen. Weit hinter ihr krachte es vernehmlich zwischen den Bäumen. Ein lauter Fluch: Er hatte ihre List bemerkt. Sie konnte ihm nicht ausweichen, musste auf dem kürzesten Weg zur Straße hinunter: Das Brummen des Autos kam zügig näher.

Sie hörte den Mann mit dem Gewehr nicht mehr. War es stehen geblieben? Ahnte er ihre Nähe? Es half nichts: Sie musste weiter. Wenn sie nicht genug Abstand zwischen sich und ihn bringen konnte, würde er sie erwischen! Susanne zügelte den Impuls, los zu rennen und schlängelte sich tief am Boden hangabwärts. Nach zwanzig Metern wagte sie es, sich aufzurichten. Ohne einen Blick zurück hastete sie auf das graue Band der Straße zu, dass hoffnungsvoll durch die Bäume schimmerte. Vor Glück konnte sie kaum noch atmen. Dann hörte sie ihn: Er stürmte im Laufschritt den Hang hinunter.

Sie rannte los. Ein Schuss verfehlte sie knapp. Sie stolperte auf die Straße, als der Wagen an ihr vorbei glitt. Verpasst! Sie fiel weinend auf die Knie. Bremsen quietschten, der Wagen setzte zurück. Der Fahrer sprang heraus, zog sie auf die Beine, schob sie auf den Rücksitz. »Fahren! Schnell! Er kommt!« Der Fahrer, dessen Gesicht ihr bekannt vorkam, betrachtete sie im Rückspiegel mit einer Miene, die Sorge und Misstrauen widerspiegelte. Sie spürte heißes Hecheln im Nacken: ein Hund? Brennender Schmerz hämmerte in ihren Rücken, warf sie gegen den Vordersitz.

Susanne erwachte im Krankenhaus. Ihr fehlten unversehens einige Lebenswochen, die nur als Ahnungsfetzen in ihrem Unterbewusstsein existierten. Die Welt hatte sich einfach weiter bewegt und Susanne mit leichter Verspätung hinter sich gelassen: Nichts war mehr so wie vorher. Ein älterer Arzt hatte es mit einem treffenden Vergleich erläutert: »Frau Hannemann, Sie gehen an Krücken. Nicht für Ihre Beine, sondern für Ihre Seele. Knochen heilen deutlich schneller.« Genauso fühlte sie sich! Es war schmerzhaft und anstrengend. Ihre tägliche Ration Energie war schon gegen Mittag verbrannt und häufte einen weiteren Klumpen klebriger Asche auf ihre Seele.

Neben die quälenden Selbstzweifel traten immer häufiger fieberhafte Angstanfälle, weil sie den schwarzen Fleck in ihrem Gedächtnis nicht durchdringen, nicht ausradieren konnte. Hatte sie abgedrückt? Wenn nein, warum nicht? Wenn doch, warum hatte die Pistole versagt? Immer wieder dieselben Fragen: »Round and round and round again …« Ihre Waffe blieb trotz intensiver Such mit Spürhunden verschwunden, konnte keine Antworten auf ihre Fragen geben. Zwei ihrer Lieblingsringe mit den auffälligen Türkisen, die sie an Daumen und Mittelfinger getragen hatte, waren ebenfalls verloren gegangen.

Nach dem Krankenhaus kam die Reha. Dann der totale Absturz: Mannhardt, ihr Vorgesetzter, zweifelte an ihrer vollen Einsatzfähigkeit. Er hatte recht damit. Trotzdem hasste sie ihn dafür. Er meinte es sicher gut, hatte ihr einen Innendienstjob, einen ›Arbeitsversuch in Teilzeit‹, aufgedrückt. »Kurieren Sie sich erst mal in Ruhe am Schreibtisch aus, Frau Hannemann. Vielleicht finden Sie ja in den Altfällen neue Ermittlungsansätze.« Mit wohlmeinenden Worten hatte er ihr den neuen Arbeitsbereich im Archiv schmackhaft machen wollen.

Es direkt auszusprechen, war nicht nötig: Sie fühlte es. Er wollte sie loswerden, sie in den vorzeitigen Ruhestand drängen. »Ein lahmender Gaul gehört zum Abdecker und nicht ins Rennen!« So hatte Mannhardt sich einem Arzt gegenüber ausgedrückt. Susanne hatte es aus Versehen mitbekommen, weil die Tür ihres Krankenzimmers nicht ganz geschlossen war.

Altpapier

Die Cannelloni blieben zerhackt zurück auf dem Teller. Susanne konnte nur die teils mitleidigen, teils hämischen Blicke nicht mehr ertragen und flüchtete in ihren Aktenkeller. Sie mochte dessen triste Atmosphäre nicht, aber er bot ihr wenigstens einen Rückzugsort: Selten verirrte sich jemand dorthin. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«, fluchte sie und ärgerte sich über ihre hysterische Reaktion. Die vertrauten Töne von Beethovens Waldsteinsonate beruhigten sie allmählich, ließen ihre Gedanken fliegen wie die Finger des Virtuosen über die Klaviertasten. Ihre Gedanken eilten freudig voraus zu dem in einigen Wochen anstehenden Orgelkonzert in der Abtei Marienmünster: Professor Ludger Matern würde wieder mit seinem Können und seinem Humor brillieren: Stunden, in denen sie ihr seelisches Leiden vergessen konnte.

»Also weiter Altpapier sortieren«, mahnte sie sich schließlich und stoppte den teuren Player, auf dessen Festplatte sich ihr ganzer Stolz, ihre Sammlung klassischer Musik befand. Sie zog einen der ausgebleichten Hefter vom Stapel unbearbeiteter Altfälle. Summend folgte sie dem flirrenden Auf und Ab von Beethovens Noten. Noch vor dem Ende des ›Allegro con brio‹ klappte sie den Hefter zu. »Gebrauchtes Lametta zu bügeln, ist spannender!« Der Hefter flog auf den wachsenden Stapel »Überprüft«.

»Was wird Mannhardt mir aufdrücken, wenn ich mit dieser Arbeit durch bin?« Wenn er immer noch Zweifel an ihrer Diensttauglichkeit hatte? Konnte es noch schlimmer kommen? »Ihm fällt bestimmt etwas ein, um mich so zu frustrieren, dass ich freiwillig das Feld räume!« Sie dückte die Play-Taste, wählte den zweiten Satz aus und griff zur nächsten Mappe. Die ersten Noten des ›Adagio molto‹ wehten durch ihren Kopf. Sie hatte das vergilbte Notenblatt im Bonner Beethovenhaus mit kindlichem Staunen betrachtet: Kaum vorstellbar, dass diese blassen Kritzel ein Universum von Musik umfassten! Mit welcher Kraft und Konzentration Daniel Barenboim dieses Universum für sein Auditorium entfaltete. Plötzlich huschten ihre Augen einige Zeilen in dem Protokoll zurück. »Verdammt, was ist das denn?« Sie stoppte den Player, Beethoven und Barenboim versanken im Nirwana.

Angewidert rekapitulierte sie die bizzaren Umstände des Falles: Eugen Wenzel, ein gut beleumundeter Landzusteller der Post, bringt seine Verlobte auf brutalste Weise um. Er bestreitet vehement, die Tat begangen zu haben und macht »Sie« dafür verantwortlich. »Sie« sind, folgt man seinen Einlassungen, Monster, die im »Teufelsloch« hausen.

»Das glaube ich jetzt nicht! Wie kommt denn dieser Unsinn in eine Ermittlungsakte?« Zornig klatschte sie mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein - inzwischen pensionierter - Kollege nahm damals die seltsame Geschichte des Beschuldigten über den »Fluch vom Teufelsloch« zu Protokoll:

Am Ende des dreißigjährigen Krieges soll ein von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugter Fremder eine Marien-Kapelle angezündet haben. Sie brannte bis auf einige eichene Balken nieder. Aufgebrachte Dörfler griffen, angeführt von einem gewissen Jonathan Mallinckrott, den Fremden auf und banden ihn kurzerhand auf ein Kreuz aus den verkohlten Balken der ausgebrannten Kapelle. In einer gruseligen Prozession zerrten sie den Fremden, der winselnd vor Todesangst seine Unschuld beteuerte, in die sumpfigen Weserauen und warfen ihn in eine der Grundlosen.

Der Fremde sei jedoch trotz der schweren Eichenbalken nicht im Wasser versunken. Die um das Loch herumstehenden Dorfbewohner belegte er brüllend mit den schlimmsten Flüchen. Da er nicht versank, musste er mit dem Teufel im Bunde sein. Mallinckrott habe wie im Wahn die Dorfbewohner aufgehetzt, Steine zu werfen, damit der Teufel in Gestalt des Fremden endlich versänke. Unter einem Hagel von eilends herbeigeschafften Steinen sei der schwer verletzte Mann endlich in der schwarzen Tiefe versunken und habe mit seinem letzten Atem einen gräßlichen Fluch gegen Mallinckrott und seine Nachkommen herausgebrüllt. Man habe Mallinckrott mit Gewalt davon abhalten müssen, sich selbst in das schaurige Wasser zu stürzen.

Legende hin oder her, jedenfalls sei bis heute jeder männliche Nachkomme dieses Jonathan Mallinckrott auf unnatürliche Weise zu Tode gekommen: In der Akte fand sich eine Liste der Todesfälle in der Familie. Die Häufung nicht natürlicher Todesursachen – ausschließlich bei den männlichen Abkömmlingen – erschien Susanne in der Tat bemerkenswert.

Mit einem Anflug von Belustigung entnahm sie der Akte, dass der letzte noch lebende männliche Nachfahre, Ulf Gerste, bisher dem »Fluch« erfolgreich entgehen konnte: Er erfreute sich in einer psychiatrischen Anstalt nicht nur bester Versorgung, sondern auch ungetrübter Gesundheit. Soweit man von seinem geistigen Zustand einmal absah.

Eugen Wenzel, dem ein anerkannter Sachverständiger schwere geistige Verwirrung und Schuldunfähigkeit attestierte, landete ebenfalls in psychiatrischer Behandlung. Die Ermittlungen wurden eingestellt, der Fall nie aufgeklärt.

Susanne warf den Hefter auf den Stapel der überprüften Fälle: »Zwar kein neuer Ermittlungsansatz, aber immerhin von gewissem Unterhaltungswert.« Sie zögerte, als sie einen neuen Hefter von dem unbearbeiteten Stapel ziehen wollte. Mit einem Seufzen öffnete sie die letzte Akte erneut und notierte auf einem rosa Post-It die Namen Eugen Wenzel und Ulf Gerste. Gerste bekam noch einen Pfeil mit den Stichworten ›Mallinckrott, Teufelsloch‹.

Mal sehen, was der Computer über die zwei ausspucken würde. Die Chancen, Informationen zu erhalten, standen bei Altfällen naturgemäß schlecht. Schulterzuckend verließ Susanne das Archiv.

»Scorpionidae« wird fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.

Höxtersche Fantasien
Phantasiae Huxariensii

Ergötzliche Geschichten aus Höxter

Die blaue Katze

Leo

Leo putzte sich ausgiebig: Sein Frauchen – sein persönlicher »Kühlschrank- und Dosenöffner«, wie er sie insgeheim nannte – hatte mal wieder seinen Geschmack genau getroffen.

Noch am späten Vormittag hatte es so gar nicht nach einem guten Tag ausgesehen: Frauchen schimpfte ständig und schob Leo immer nur zur Seite, wenn er laut miauend seine Kuschelstunden auf ihrem Schoß einforderte. Am Ende hatte er sie sogar am Ärmel gezupft, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Pech: Es klingelte – und Frauchen beachtete ihn wieder nicht. Leo hoffte zunächst, das Paket mit seinem Lieblingsfutter sei gekommen. Doch Frauchen hatte nur eine blauen Dose und eine geöffnete Schachtel in den Händen. Das konnte ja nichts Tolles für ihn sein: Die Dose war viel zu klein! Frauchen setzte sich auf das Ecksofa und öffnete behutsam die blaue Dose. Dabei summte sie leise eine Melodie. Leo hingegen brummelte unzufrieden vor sich hin: Wenn Frauchen sich so verhielt, verlief der Tag immer ganz anders als ein »normaler« Tag. Er zog sich vorsorglich unter das Sofa zurück und lugte nur hinter einem Fuß hervor, wo er sie gut im Blick hatte.

Nicht, dass er »besondere« Tage in schlechter Erinnerung gehabt hätte. Aber die damit einhergehende Ungewissheit ließ ihn bereits wieder ganz kribbelig werden. Weil ihn das entspannte, begann er, sich hektisch zu putzen. Die beruhigende Wirkung stellte sich umgehend ein: Frauchen füllte seinen Napf mit wunderbar duftendem Futter. Leo schleckte eifrig. »Den brauche ich ja gar nicht mehr zu spülen«, lachte Frauchen, als er schnurrend um ihre Beine strich.

Satt und müde blinzelte Leo hin und wieder zu der blauen Dose hinüber, die noch immer auf dem Tisch lag. Schließlich stand Frauchen auf und verließ den Raum. Darauf hatte Leo nur gewartet: Vor Neugier hielt er es nicht mehr aus. Er sprang auf das Sofa, von dort auf den Tisch und schlich vorsichtig um die Dose herum: Kein interessanter Geruch, nur ein Anflug von Farbe und Metall. Beknabbern ging auch nicht, denn sie rollte davon, wenn er seine Zähne an ihr ausprobieren wollte. Zum Spielen taugte sie auch nicht: Das langweilige Ding machte nicht einmal spannende Geräusche.

Offensichtlich hatte Frauchen das Interesse genauso schnell verloren, denn sie hatte die Dose einfach liegen lassen. Leos linke Vorderpfote – die immer so eigenwillige Sachen machte, wenn er etwas nicht mochte – schüttelte sich und gab der blauen Dose einen Schubs, während er vom Tisch auf das Sofa und von dort mit einem Satz in seinen Korb sprang, ohne dem langweiligen Ding noch einen Gedanken zu widmen. Doch plötzlich hörte er ein leises Geräusch vom Tisch: Die Dose rollte langsam auf die Tischkante zu. »Au weia«, dachte Leo, »das geht nicht gut.« Wenn Frauchen sich umdrehte und die Dose auf dem Boden lag, gäbe es garantiert Ärger.

Kurzentschlossen sprang er auf den Tisch, doch zu spät: Die Dose fiel vor seinen Augen in die Tiefe. Trudelnd prallte sie mit hässlichem »Plonk, plonk, plonk« auf den Boden, rollte ein paarmal hin und her und lag still. »Miau« klagte Leo: Die blaue Dose hatte nun eine deutliche Delle. Frauchen würde wissen, dass er der Übeltäter war. Merkwürdigerweise wusste sie immer Bescheid, wenn er etwas angestellt hatte. Sogar, wenn sie gar nicht dabei war! Mit dem zu erwartenden Donnerwetter war der Tag wohl gelaufen.

Frauchen drehte sich in der Tür prompt bei dem Geräusch um. Sie kam zurück, bückte sich, hob die Dose auf, schüttelte sie leicht und zog ein ärgerliches Gesicht, als sie drinnen ein Klirren hörte. Leo machte sich klein und tat unbeteiligt. Schließlich ging ihn diese Dose gar nichts an.

Frauchen öffnete die blaue Dose, schüttelte einen Gegenstand heraus und spähte in das Innere der Dose. Dann zupfte sie mit dem kleinen Finger einen Zettel heraus, entfaltete ihn und strich ihn auf dem Tisch glatt. Dabei knisterte das Papier vernehmlich unter ihren Händen. Nachdem sie den anderen Gegenstand mehrfach in ihren Händen hin und her gewendet hatte, murmelte sie erfreut, »Glück gehabt«. Sie setzte die neue Lesebrille probeweise auf und wandte sich wieder der Tür zu, ohne Leo eines Blickes zu würdigen. Rasch hüpfte Leo auf den Tisch und inspizierte den entfalteten Zettel.

Eine blaue Katze schaute ihn mit großen Augen durch eine Brille mit runden, blinkenden Gläsern aus dem Papier heraus an. Leo umkreiste das zerknitterte Stückchen blassen Tranparentpapiers. Die Katzenaugen schienen seinen Bewegungen zu folgen. Leo schüttelte sich: »Blaue Papierkatzen können niemanden mit ihrem Brillenblick verfolgen!« Das wusste er von den bunten Papierstücken, die Frauchen sich immer vor die Augen hielt und ihm daraus erzählte, was in der Menschenwelt so vor sich ging. Leo mochte das Papier, weil es sich geräuschvoll zerfetzen und durch die Luft wirbeln ließ. Aber noch nie hatte ihn eines der Bilder mit den Augen verfolgt.

Gelangweilt wandte sich Leo ab, wollte elegant zum Sofa hinunter springen. Da hatte er das kribbelnde Gefühl, beobachtet zu werden. Mit bebenden Schnurrhaaren wandte er sich um und zuckte zusammen: Frauchen stand in der Tür und sah genauso aus, wie die blaue Brillenkatze auf dem Papier! Abwehrend schüttelte er seine Vorderpfote, der Zettel geriet in Bewegung und segelte unter das Sofa. Frauchen hatte das Malheur wohl nicht bemerkt, denn sie verschwand mit ihrem Brillenkatzengesicht im Nebenzimmer.

Leo sprang dem Zettel hinterher und schnüffelte daran. Es knisterte unter seiner Nase. Wieder schien es, als verfolge die Brillenkatze seine Bewegungen. »Lass das, du Flohsack«, murmelte jemand mit leicht verärgertem Unterton, aber nicht unfreundlich. Leo spähte umher, wer denn da ihm gegenüber so eine dicke Lippe riskierte. Doch da war niemand. Verwundert beäugte er wieder den knisternden Zettel: Die Brillenkatze blickte ihn durchdringend aus dem Papier an, rührte sich aber nicht. Leo umrundete den Zettel erneut, ließ dabei die blaue Brillenkatze keine Sekunde aus den Augen. Doch außer, dass sie ihn immerzu anschaute, geschah nichts.

Der Stein

Begegnung

18. Mai, 16:35
Ich gehe mit Garou auf dem Räuschenberg spazieren. Zu meinen Füßen ist alles nur grau, grün und braun. Dazwischen glüht unvermittelt ein schwarzer Stein auf wie eine Höhensonne, blendet mich, reißt mich an sich wie ein Magnet einen Nagel. Ich muss ihn mitnehmen! Merkwürdige Gedanken kreiseln plötzlich in meinem Kopf. Füllen ihn gänzlich aus Ich bin fassungslos: Was geht hier vor?

18. Mai, 17:19
Der Stein liegt vor mir auf dem Schreibtisch, zwingt meinen Blick zu sich hin, fesselt mich. Ich starre ihn an, zu jeder Bewegung unfähig. Täusche ich mich, oder flimmern seine Konturen tatsächlich. Meine Augen brennen von dem Versuch, den Stein zu fixieren. Ich reibe vergeblich. Dünne Strahlen drägen aus dem Stein zu mir hin! Nur eine Täuschung? Ich schiebe mit letzter Kraft ein Papier darüber.

19. Mai, 8:56
Nach einer schlaflosen Nacht, in der mich unerklärliche, gestaltlose Gedanken umtrieben, sitze ich schon wieder am Schreibtisch: Ich will, nein, ich muss ihn berühren! Eine Woge der Angst schlägt über mir zusammen, es verschlägt mir den Atem, ich weiche zurück. Millimeter für Millimeter zerrt es meine Hand hin zu dem matten Schimmer. Seltsame Maserungen und Kratzer ziehen sich über ihn hin, zeugen von gefährlichen Ereignissen. Ein mächtiger Sog scheint den Stein von innen zusammenzuziehen: Seine Oberfläche ist eingedellt wie eine Getränkedose, die als Fussball missbraucht wurde.

19. Mai, 9:03
Der Stein schaut aus wie der Schädel eines Urwelttieres. Sein Schwarz brennt vor dem hellen Holz des Schreibtisches ein ebenso schwarzes Loch in mein Gehirn. Angst! Ich habe meine Hände nicht mehr unter Kontrolle. Krampfartige Zuckungen bis in die Fingerspitzen peinigen mich. Quälen mich zu Tode, wenn ich ihn nicht berühre: Ich muss! ich kann nicht anders. Mein Widerstand wirft Blasen wie ein lackiertes Blech im Feuer, schmilzt dahin, tropft zäh ins Nichts. Vorbei!

Der Stein hasst mich! Mein Finger klebt an seiner Oberfläche. Ich schaffe es nicht, ihn zurückzuziehen, mich von dem Stein zu lösen. Panisch schiebe ich mich mit den Füßen fort vom Tisch, fort vom Stein. Der Stuhl kippt polternd um. Das Geräusch reißt mich aus meiner Schreckstarre.

19. Mai, 9:07
Gefühle überschwemmen mich: Hass! Angst! Fremd! Gefahr! Ich will das nicht! Fremde Gefühle strudeln mich willenlos IN das kalte Schwarz!

Ziel

Der Stein hat mich verschluckt! Hilflos schwebe ich in seinem Inneren. Rudere hektisch mit den Armen. Wo ist oben? Rundherum endlose Tiefe. Fühlt Weltraum sich so an? Du klebst im Nichts. Keine Orientierung. Dein Gehirn rebelliert, sucht Halt, will, braucht einen festen Punkt.

Der Stein! Ich hatte ihn vollkommen vergessen! Jetzt nehme ich seine Konturen wahr, blicke hindurch. Sehe mich am Schreibtisch sitzen: Riesig! Mich friert: Der Stein hasst mich. Abgrundtief! Er verzerrt sich zu einem grinsenden Totenschädel, in dessen Hirnschale ich herum dümpele. Ich schlage mit grotesken Bewegungen um mich wie ein Ertrinkender, will zur durchsichtigen Wand des Steins gelangen. Ich muss hier raus! Die Wand, der Stein zieht sich vor mir zurück. bleibt unerreichbar, ungreifbar.

Bin inzwischen kraft- und mutlos. Zwischen meine Gefühle drängen sich die des Steins: Sein Hass zerdrückt mich. Er zieht sich um mich zusammen. Mit entsetztem Erstaunen bemerke ich hinter dem Hass Hilflosigkeit: Der Stein braucht mich! Ich frage mich schaudernd, wofür? Meine Schreie verhallen tonlos. Panik treibt mich zu selbstzerstörerischer Anstrengung: Raus! Egal wie, nur weg von hier!

Ich gebe auf. Kann nicht mehr. Will nicht mehr. Ich öffne meine Augen. Tränenblind erkenne ich: Der Stein hüllt mich ein. Ungerührt von meiner Panik, meinem Entsetzen. Wo bleibt das Ende? Spielt er mit mir? Gefällt er sich darin, meine sinnlosen Bemühungen in seinem Inneren zu belächeln? Warum? Was will er von mir?

Ich schaue mich verzweifelt an: Da draußen sitze ICH am Schreibtisch. Wie tot! Das bin ich hier drinnen ja irgendwie auch. Ruhe. Schlaf. Tod. Ich spüre mich nicht mehr.

Gedankenblasen perlen in mir hoch wie in einer geschüttelten Sektflasche: »Ich bin draußen!« Heftig schlage ich mit dem Kopf auf den Schreibtisch.

Der Handleiher

Das Leben des Johannes Nessel

Näher, mein Gott, zu Dir

Seine Hände glitten sanft über die dünne Decke hinauf zu seiner schmerzenden Brust. Doch er spürt schon seit einigen Tagen nicht mehr das beruhigende Pulsieren in seinen Händen, das ihn sein ganzes Leben begleitete. »Hat sich der Allmächtige nun endlich entschlossen, mich zu sich zu rufen.» Johannes stellte es ohne Bedauern fest. So war es immer, so würde es ewig bleiben: Vertraue auf GOTT, Deinen HERRN! Das war Johannes simple Lebensregel, seit er seine ›heilenden Hände‹ entdeckt hatte. Der Schmerz atmete tief, um sich für den nächsten, vielleicht den letzten, Angriff zu rüsten. Johannes entspannte sich und sank in einen unruhigen Schlaf.

Der Ruf

Der Junge schreckte auf: Jemand hatte ihn gerufen. Sitzend lauschte er in die Dunkelheit. Der Morgen war noch fern. Leichtfüßig schlüpfte er die Stiege hinunter und horchte erneut in die kalte Nacht. Nichts! Er wandte sich bereits wieder der Stiege zu, als ein Flüstern in seine Ohren drang. Wie aus großer Ferne wehte eine sanfte Stimme heran. Der Junge erspürte eine ungeheure Kraft unter dem Flüstern: »Johannes! Spute Dich! Deine Schwester bedarf Deiner Hilfe. Spüre Deine Hände und hilf ihr!«

Der Junge stand einen Moment verwirrt und unschlüssig auf der großen Tenne. Woher kam die Stimme? Kein Schatten, kein Atmen, keine Bewegung verriet die Anwesenheit eines anderen Menschen. Johannes zog ängstlich die Schultern hoch. Neuerdings hörte er häufiger eine fremde Stimme, die ihm dies oder das auftrug. Manchmal waren es Dinge, die für einen Fünfjährigen ganz schön schwer waren. Doch meist war es einfach: Er sollte nur seine Hände spüren, wenn es jemandem schlecht ging.

Seine Hände wussten immer von selbst, was zu tun war, wo es weh tat. Oft waren die Kranken anderer Meinung und wollten seine Hände dorthin schieben, wo sie den Quell des Schmerzes vermuteten. Aber seine Hände irrten sich nie! Sie fühlten sich in diesen Momenten so merkwürdig an: pelzig und prall.

Wenn Johannes sich ganz vergaß, machte GOTT etwas mit seinen kleinen Händen – und das Schlechte, das Krankmachende wurde schwächer und verschwand schließlich. Johannes dachte immer: »GOTT leiht sich meine Hände, ohne dass ich ihn sehen kann. Aber ich spüre ihn ganz fest in meinen Händen.«

Johannes hoffte immer noch gegen alle Vernunft, den Allmächtigen einmal zu Gesicht zu bekommen. Er lachte, während er barfuß durch die Nacht lief. Die Kühe im Stall würden es schon einige Stunden ohne ihn aushalten. Zur Melkzeit wäre er bestimmt zurück.

Lisa

»Wo kommst Du denn her, Johannes? Du solltest doch bei den Kühen bleiben. Marsch, geh sofort zurück!« Die Mutter sagte es barsch, doch nicht unfreundlich. Johannes fühlte ihre Sorgen in ihrer Stimme. »Ich wollte nur nach Lisa schauen. Sie braucht meine Hilfe, hat GOTT zu mir gesagt. Da musste ich doch gehorchen.« Seine Mutter nickte gequält: Manchmal nervte der naive Gottesglaube ihres jüngsten Sohnes gewaltig. Aber da ihn in solchen Momenten nichts und niemand von seiner Absicht abhalten konnte, ließ sie ihn achselzuckend gewähren.

Vielleicht war es ja auch gut so: Lisa war todkrank. Arzt und Priester waren ausnahmsweise einmal einer Meinung: Mit ihrer Tochter Lisa ging es rasch zu Ende. Noch einige Tage, einige Wochen mochten ihr vergönnt sein. Sie fühlte Bitternis in sich aufsteigen. Ihre Tochter würde nicht am Grab ihrer Mutter beten und an sie denken. Der Schmerz in diesem Gedanken sprengte der Mutter fast die Brust. Konnte das Gottes Wille sein? Das musste es wohl, denn nach menschlichem Ermessen gab es keine Hoffnung, keine Heilung.

Ein lauter Schrei, der in ein erlöstes Stöhnen überging, riss die Mutter aus ihren trüben Gedanken. »Lisa!« Aus ihrer Kammer war der Schrei ertönt. Was hatte Johannes wieder angestellt? Das Bild, das sich ihren Augen bot, konnte schrecklicher nicht sein: Lisa wälzte sich nackt und stöhnend auf dem Boden, als würden Krämpfe sie schütteln. Johannes stand über ihr mit bluttropfenden Händen und blickte angstvoll auf seine halbwüchsige Schwester hinunter. Das Blut an seinen Händen schien er nicht wahrzunehmen.

»Was hast Du getan?«, schrie die Mutter entsetzt. Grob stieß sie ihn zur Seite und kniete neben ihrer Tochter nieder. »Nichts!«, protestierte Johannes empört. Doch seine Mutter hörte ihn nicht: Mit klammem Herzen beugte sie sich zu Lisa hinunter, deren Stöhnen inzwischen in ein heiseres Lachen übergegangen war. Keuchend und lachend setzte Lisa sich auf, hockte ihrer Mutter gegenüber. Der magere Körper, der erste frauliche Rundungen andeutete, bebte im Takt des Keuchens und Lachens. Dann sprang sie auf, zog ihre Mutter mit sich und tanzte im Raum umher, wie von der Tarantel gebissen. Verwirrt drückte sie ihre Tochter an sich. Waren das die letzten Lebensausbrüche vor dem Tod? Wo kam die lebendige Kraft auf einmal her, mit der der schmale Leib um sie herumwirbelte?

»Kind! Was ist mit Dir geschehen? Was hast Du denn?« Sie spürte den kindlichen Leib, der schon vom Tod gezeichnet schien. Doch da war etwas Neues, Anderes: Unbändige Lebensenergie tobte nun in ihrem Kind, das ihr wegen der schweren Geburt besonders ans Herz gewachsen war: Beinahe wären sie beide bei der Geburt gestorben. Sie schob Lisa verwirrt von sich. Dann erschrak sie heftig: Das Mal des Todes, die gewaltige Geschwulst, die den Leib ihres Mädchens so grausig entstellt hatte, war fort! Nur eine handtellergroße, rosafarbene Stelle auf der bleichen Haut zeugte noch von ihrer Existenz.

»Er hat das gemacht!«, lachte Lisa und deutete auf Johannes. Der stand in einer roten Lache. Noch immer tropfte Blut von seinen herabhängenden Händen. Reglos stand er, wie gebannt, ohne seine Umgebung wahrzunehmen.

»Was? Wie? Was hat Johannes gemacht?«, stotterte die Mutter konsterniert. »Johannes hat seine Hände auf meinen Bauch gelegt, während ich schlief. Sein Puls pochte so heftig, dass ich ihn deutlich fühlen konnte. Dann gab es einen furchtbaren Ruck, als ob ich zerrissen würde. Ich glaubte, ich sterbe. Plötzlich wurde ich ganz leicht – und alle Schmerzen waren ausgelöscht. Ich fühle mich gesund, lebendig, glücklich!« Weinend flüchtete sie in die Arme ihrer Mutter. Die wandte sich ihrem erstarrt dastehenden Sohn zu. Mit Entsetzen betrachtete sie ihn, sah ihn an wie einen Fremden, der ihr zum ersten Mal begegnet.

Vor ihm niederkniend, rüttelte sie ihren Jüngsten und nahm ihn ernst in die Arme. Allmählich löste sich seine Erstarrung. »Was hast Du denn, Mama?« Johannes schaute ihr fragend ins Gesicht. »Ich habe nur meine Hände gespürt. So, wie ER es mir geboten hat.« Schaudernd streichelte sie über den Kopf des Jungen. Zwischen Angst und Entsetzen schwankend, fragte sie sich, was aus ihrem Jungen werden würde.

Schwarze Kunst

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln. Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille. Ich schlendere ungestört durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. »Sie interessieren sich für die Kunst des Druckens?« Italienischer Akzent? Sein Gesicht bietet meinem Blick keinen Halt: nicht Mann, nicht Frau. Etwas dazwischen. Ein Zwitter-Gesicht auf einem Hals, der wie die Stange eines Kleiderständers aus einem unmodernen Anzug mit Weste ragt.

»Wieso fragen Sie?«, reagiere ich überrascht, denn ich halte ihn für eine Aufsicht des Museums. Er streckt mir wortlos einen abgeschabten Karton entgegen. Die Deckelseiten sind nach innen gefaltet. Ich erkenne silbrig glänzende Lettern und eine Setzschiene, einen ›Winkelhaken‹, wie er mir erklärt. »Probieren Sie es.« Ich verstehe nicht, was er meint. »Setzen Sie etwas Bedeutsames. Das ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.«

Er betont das Wort ›Kunst‹, als schmecke er etwas Exquisites. Entschlossen stellt er den Karton auf einem Tischchen ab und verneigt sich leicht. Ohne Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, verschwindet er in den verzweigten Gängen. Ich zögere, will ihm ein »Nein. Vielen Dank!« hinterher rufen.

Doch er ist schon fort. Nicht einmal seine Schritte höre ich. Bin hin- und hergerissen: Sollte ich nicht einfach gehen? Oder doch bleiben? Was soll das Ganze? Seufzend sinke ich auf einen Stuhl vor dem zerbrechlich wirkenden Tischchen. Wähle Lettern aus dem Karton und reihe sie auf der Tischplatte aneinander. Geschwärzt vom häufigen Gebrauch stehen die Buchstaben spiegelbildlich vor mir. Die Bleisockel zeigen matten Glanz, fühlen sich klebrig an, wie geölt.

Ich setze wahllos Buchstaben auf den Winkelhaken. Etwas Bedeutsames soll ich setzen? Mir fällt nur der einfältige Satz »Wo bist Du? Ich bin hier« ein. Buchstabe für Buchstabe wühle ich aus dem Durcheinander im Karton heraus. Unverständliches Geplapper aus dem Nebenraum lenkt mich ab: Da war doch niemand mehr. Ich springe auf und schaue in den angrenzenden Raum: Er ist leer. Nachdenklich kehre ich an das Tischchen zurück. Auf der Schiene steht ein Wort: »Lettern!«

Das habe ich nicht gesetzt! War jemand hier? Ich schüttele die Lettern in den Karton und beginne von Neuem. Setze Buchstabe für Buchstabe auf den schweren Winkelhaken: »Wo bist D...«. Eine unsichtbare Kraft schiebt meine Buchstaben ungeduldig klappernd von der Schiene. Was immer ich nun setze, wie durch einen Zauber erscheint stets nur: »Lettern«.

Irritiert suche ich den älteren Herren, der mir den Karton in die Hand drückte. An der Kasse erfahre ich überrascht, dass es hier keinen älteren Herrn als Aufsicht gibt. Da habe sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Die Bleilettern gehören entsorgt: in die Gitterbox neben dem Ausgang. Erleichtert lasse ich den Karton hinein fallen.

Der blaue Schirm

Erste Begegnung

Der Tag war wie geschaffen für eine Depression. Ich hatte mich vor den Fluten des Himmels unter den Balkon über der Freitreppe des Rathauses geflüchtet. Trotzdem war ich nass bis auf die Haut. Der dünne Pullover über dem T-Shirt schien sich zu einem Eispanzer um meine Brust zusammenzuziehen.

Bibbernd beobachtete ich den schwarzen Strom, der sich mir entgegenwälzte: Regenschirme in allen Nuancen von Schwarz und Grau, der sich vor mir am Fuß der Treppe teilte. Nur einige unentschlossene Schirme kreiselten vor der Treppe herum, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können.

Von meinem erhöhten Standpunkt aus wirkten die Schirme herrenlos: Unter dem schubsenden, schiebenden, schwarzen Gewusel blieben die Träger unsichtbar. Mir drängte sich der Eindruck eines hungrigen Mischwesens aus Kellerassel und Tausenfüßler auf. »Du solltest nicht Biologie studieren, sondern Science-Fiction-Romane schreiben«, hörte ich im Geiste meinen Mitbewohner im Studentenheim dozieren.

Während ich gewohnheitsmäßig Block und Stift aus dem Rucksack zog, um meinen ›Kellerassel-Tausendfüßler‹ zu skizzieren, nahm ich eine irritierende Störung am Rande meines Gesichtsfeldes wahr. Mit zusammengekniffenen Augen hob ich den Blick. Die Schwarzfront war gestört: Ein blauer Schirm tänzelte eilig durch die Menge. Fast schien es, als wichen die schwarzen Schirme vor der intensiven Farbe zurück.

Fasziniert verfolgte ich den Weg des leuchtenden blauen Flecks auf mich zu. Zielsicher steuerte der Schirm auf die Treppe zu, wich elegant den zögerlichen Kandidaten aus, die am Treppenfuß umherirrten. Dann stieg der Schirm wie eine blaue Venus aus schwarzem Wasser die Treppe herauf. Mit offenem Mund starrte ich das grazile Mädchen an, das gerade den Knauf des Schirmes in die andere Hand wechselte. Dabei schüttelte sie ihren Kopf, dass ihre hüftlangen Haare sie umflossen wie eine nussbraune Stola.

Lächelnd schenkte sie mir einen strahlenden Blick und schwebte an mir vorüber. Gebannt von diesem Blick verpasste ich die Gelegenheit, mit ihr das Gebäude zu betreten. Als ich endlich aufsprang und ihr folgte, war sie schon verschwunden. Hektisch rannte ich die Gänge auf und ab, schaute in etliche Räume, doch ich fand sie nicht wieder. Mir blieb nur die Erinnerung an strahlend blaue Augen, eine braune Mähne – und einen blauen Schirm.

Dann entdeckte ich die Regentropfen auf den Bodenfliesen. Mein Herz begann zu rasen. Blind für alles andere hastete ich auf der Spur der Regentropfen entlang, an deren Ende ich SIE zu finden hoffte. Eine Tür ins Freie beendete meinen Freudentaumel jäh: SIE hatte das Gebäude wieder verlassen, war im Trubel der Einkaufsstraße verschwunden, ohne mir durch ihren blauen Schirm ein Signal der Hoffnung auf ein Wiedersehen zu geben.

Die »Fantasien« werden fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.