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Woran ich (gerade) arbeite ...

Der Berg

Fantasy aus Höxter

Bielefeld, Radio Westfalia, August 2018

Gülay Witthake, die hochgewachsene Klimawissenschaftlerin aus Ostwestfalen, schaute geistesabwesend aus dem Studiofenster in das dichte Schneetreiben: »Es hat begonnen!« In den letzten Minuten hatte sie sich nicht mehr an der nervigen Diskussion beteiligt, ob der Klimawandel nun eingetreten sei oder nicht. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie die Studiotür aufgerissen wurde. Der Moderator sperrte irritiert die Mikrofone. Die rote Leuchtschrift »Auf Sendung« erlosch. Der junge Mann, der aufgeregt hereingestürmt war, hielt dem Moderator einen Zettel hin und lief im Eilschritt hinaus.

Die ernsten Worte des Moderators weckten sie aus ihren Gedanken: »Meine Dame, meine Herren! Ich erhielt soeben eine Mitteilung, aufgrund derer ich unsere Diskussion als beendet bezeichnen darf. Unsere Meterologen haben ein ausgedehntes System von Schneestürmen und Tiefsttemperaturen über dem Nordatlantik ausgemacht, das an Stärke ständig zunimmt und sich immer weiter nach Süden ausbreitet. Die Meteorologen erwarten eine mehrwöchige Kälteperiode über der ganzen Nordhalbkugel. Damit dürfte Frau Dr. Witthakes Auffassung, der Klimawandel sei tatsächlich bereits eingetreten, endgültig durch die Realität bestätigt sein. Ich schließe die Runde vorzeitig und empfehle Ihnen, sich schnellstmöglichst auf den Heimweg zu machen. Die Straßen werden in wenigen Stunden unpassierbar sein. Ich hoffe und wünsche uns allen, dass wir uns irgendwann gesund und munter hier wiedersehen werden.«

Hastig rannten alle Beteiligten der Diskussionsrunde aus dem Studio. Der Moderator hielt Gülay mit einem Wink zurück. Müde drückte er ihre Hand: »Ich danke Ihnen für ihre stete Ruhe und Sachlichkeit. Sie waren immer ein helles Licht unter den vielen wissenschaftlichen Dumpfbacken. Ich hoffe, Sie überleben das Chaos auf irgendeine Weise. Sie haben es verdient.« Dann klopfte er ihr leicht auf die Schultern und verließ das Studio. Er ging gebeugt, wirkte auf einmal furchtbar alt, obwohl er nur wenig älter als Gülay sein mochte. Sie verließ das Gebäude schnell und schlurfte durch die weiße Pracht. Bei jedem Schritt stoben die Flocken wie Motten um ihre Beine.

»Hoffentlich schaffe ich es noch nach Fürstenau!«, entfuhr ihr ein Stoßgebet, als die Räder beim Verlassen des Parkplatzes durchdrehten. Die Sommerreifen boten nicht die besten Voraussetzungen für eine Fahrt durch trockenen Pulverschnee. Solange es noch Spuren anderer Fahrzeuge gab, ging es einigermaßen voran. Doch schließlich schlingerte sie allein durch das dichte Treiben winziger Flocken. Der Scheibenwischer schob den Schnee nur noch mühsam beiseite und teilte den Blick nach vorn in regelmäßige Portionen. Der stressigen Fahrt zum Trotz glitten Gülays Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Bestätigung

John McDee war vor einigen Jahren in ihr Leben getreten: Auf einem Klimatologen-Kongress in Aberdeen hatte sie ihn kennengelernt. Für seine extreme Position, der Klimawandel würde die Nordhalbkugel in einigen Jahren schlagartig unbewohnbar machen, wurde er ausgelacht. Abends traf sie ihn an der Hotelbar wieder. Über einigen Whiskeys lernten sie sich kennen: ein angenehmer, unaufdringlicher Gesprächspartner. Er lud sie ein, seine Theorie am nächsten Tag in seinem Labor in Aberdeen selbst zu überprüfen. Dann war er schwankend in seinem Zimmer verschwunden.

Sie glaubte nicht, dass er es ernst gemeint hatte. Trotzdem fuhr sie nach dem Frühstück zur angegebenen Adresse. Er war schon da. Ziemlich verkatert zwar, aber gut vorbereitet: Er erläuterte seine Theorie, seine Annahmen, seine Quellen und die verwendete Software. Dann überließ er Gülay das Labor und verschwand in einer Kammer mit Pritsche.

Kurz darauf hörte sie ihn regelmäßig schnarchen. Sie prüfte sorgfältig jedes Detail, ließ Johns Modell mehrfach auf verschiedenen Rechnern und mit unterschiedlicher Software laufen. Dann änderte sie einige seiner Annahmen entsprechend ihres eigenen Modells. Nach etlichen Stunden hockte sie erschüttert auf ihrem Stuhl: Die Ergebnisse waren schockierend und bestätigten Johns Position so eindeutig, dass keine Zweifel blieben.

Obwohl es erst früher Nachmittag war, dämmerte es bereits. Sie suchte nach etwas Essbarem und wurde in einer winzigen Kochnische fündig. Duftende Rühreier mit Speck lockten John schließlich aus seiner Kammer. Sie aßen schweigend. Erst beim Abräumen des Geschirrs bemerkte John: »Es hat Dich auch umgehauen?« Gülay nickte stumm. »Was jetzt?« Johns Frage schwebte lange unbeantwortet im Raum. Sie straffte sich mit einer heftigen Bewegung: »Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde vorbereitet sein. Lass mich einige Ausrüstungen mit langen Lieferzeiten gleich von hier aus bestellen. Brauchst Du auch etwas? Soll ich für Dich mitbestellen?«

Nach einem Moment des Nachdenkens schüttelte er den Kopf: »Das ist nicht mein Weg, mit der Erkenntnis umzugehen.« Als sie fertig war, umarmten sie sich. Er küsste verlegen ihre Wange und drückte sie aufgewühlt an sich. »Du wirst es schaffen. Du überlebst dieses Chaos. Ich wünsche Dir alles Gute!« Hastig schob er sie aus der Tür und schloss sie rasch.

Verwirrt war sie ins Taxi gestiegen. Ihr Flug hatte Verspätung. Sie versuchte, John anzurufen, hinterließ eine Nachricht auf seiner Sprachbox, da er sich nicht meldete. Wenige Tage nach ihrer Heimkehr erhielt sie eine Mitteilung, John habe sich das Leben genommen.

Gülay war so erschüttert, dass sie in einer Kneipe versackte. Nachdem sie wieder nüchtern war, setzte sie ihre Vorbereitungen umso verbissener fort. Bald war der alte Hof, Erbe ihres Großvater, für den Ernstfall gerüstet.

»Der Berg« wird fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.

Höxtersche Fantasien
Phantasiae Huxariensii

Ergötzliche Geschichten aus Höxter

Die blaue Katze

Leo

Leo putzte sich ausgiebig: Sein Frauchen – sein persönlicher »Kühl­schrank- und Dosen­öffner«, wie er sie insge­heim nannte – hatte mal wieder seinen Geschmack genau getroffen.

Noch am späten Vor­mittag hatte es so gar nicht nach einem guten Tag ausgesehen: Frauchen schimpfte ständig und schob Leo immer nur zur Seite, wenn er laut miauend seine Kuschel­stunden auf ihrem Schoß einfor­derte. Am Ende hatte er sie sogar am Ärmel gezupft, um ihre Aufmerk­samkeit zu erregen.

Pech: Es klingelte – und Frauchen beachtete ihn wieder nicht. Leo hoffte zunächst, das Paket mit seinem Lieblings­futter sei gekommen. Doch Frauchen hatte nur eine blauen Dose und eine geöffnete Schachtel in den Händen. Das konnte ja nichts Tolles für ihn sein: Die Dose war viel zu klein! Frauchen setzte sich auf das Eck­sofa und öffnete behutsam die blaue Dose. Dabei summte sie leise eine Melodie. Leo hin­gegen brummelte unzu­frieden vor sich hin: Wenn Frauchen sich so verhielt, verlief der Tag immer ganz anders als ein »normaler« Tag. Er zog sich vorsorg­lich unter das Sofa zurück und lugte nur hinter einem Fuß hervor, wo er sie gut im Blick hatte.

Nicht, dass er »besondere« Tage in schlechter Erinne­rung gehabt hätte. Aber die damit einher­gehende Unge­wissheit ließ ihn bereits wieder ganz kribbelig werden. Weil ihn das entspannte, begann er, sich zu putzen. Die beruhi­gende Wirkung stellte sich umgehend ein: Frauchen füllte seinen Napf mit wun­derbar duf­tendem Futter. Leo schleckte eifrig. »Den brauche ich ja gar nicht mehr zu spülen«, lachte Frauchen, als er schnurrend um ihre Beine strich.

Satt und müde blinzelte Leo hin und wieder zu der blauen Dose hinüber, die noch immer auf dem Tisch lag. Schließlich stand Frauchen auf und verließ den Raum. Darauf hatte Leo nur gewartet: Vor Neugier hielt er es nicht mehr aus. Er sprang auf das Sofa, von dort auf den Tisch und schlich vorsichtig um die Dose herum: Kein inter­essanter Geruch, nur ein Anflug von Farbe und Metall. Beknabbern ging auch nicht, denn sie rollte davon, wenn er seine Zähne an ihr auspro­bieren wollte. Zum Spielen taugte sie auch nicht: Das lang­weilige Ding machte nicht einmal spannende Geräusche.

Offensichtlich hatte Frauchen das Interesse genauso schnell verloren, denn sie hatte die Dose einfach liegen lassen. Leos linke Vorderpfote – die immer so eigen­willige Sachen machte, wenn er etwas nicht mochte – schüttelte sich und gab der blauen Dose einen Schubs, während er vom Tisch auf das Sofa und von dort mit einem Satz in seinen Korb sprang, ohne dem langwei­ligen Ding noch einen Gedanken zu widmen. Doch plötzlich hörte er ein leises Geräusch vom Tisch: Die Dose rollte langsam auf die Tisch­kante zu. »Au weia«, dachte Leo, »das geht nicht gut.« Wenn Frauchen sich umdrehte und die Dose auf dem Boden lag, gäbe es garantiert Ärger.

Kurzentschlossen sprang er auf den Tisch, doch zu spät: Die Dose fiel vor seinen Augen in die Tiefe. Trudelnd prallte sie mit hässlichem »Plonk, plonk, plonk« auf den Boden, rollte ein paarmal hin und her und lag still. »Miau« klagte Leo: Die blaue Dose hatte nun eine deutliche Delle. Frauchen würde wissen, dass er der Übel­täter war. Merkwür­digerweise wusste sie immer Bescheid, wenn er etwas ange­stellt hatte. Sogar, wenn sie gar nicht dabei war! Mit dem zu erwar­tenden Donner­wetter war der Tag wohl ge­laufen.

Frauchen drehte sich in der Tür prompt bei dem Geräusch um. Sie kam zurück, bückte sich, hob die Dose auf, schüttelte sie leicht und zog ein ärger­liches Gesicht, als sie drinnen ein Klirren hörte. Leo machte sich klein und tat unbe­teiligt. Schließlich ging ihn diese Dose gar nichts an.

Frauchen öffnete die blaue Dose, schüttelte einen Gegen­stand heraus und spähte in das Innere der Dose. Dann zupfte sie mit dem kleinen Finger einen Zettel heraus, entfaltete ihn und strich ihn auf dem Tisch glatt. Dabei knisterte das Papier vernehm­lich unter ihren Händen. Nachdem sie den anderen Gegen­stand mehrfach in ihren Händen hin und her gewendet hatte, murmelte sie erfreut, »Glück gehabt«. Sie setzte die neue Lese­brille probeweise auf und wandte sich wieder der Tür zu, ohne Leo eines Blickes zu würdigen. Rasch hüpfte Leo auf den Tisch und inspizierte den entfalteten Zettel.

Eine blaue Katze schaute ihn mit großen Augen durch eine Brille mit runden, blinkenden Gläsern aus dem Papier heraus an. Leo umkreiste das zerknitterte Stückchen blassen Tranparent­papiers. Die Katzen­augen schienen seinen Bewegungen zu folgen. Leo schüttelte sich: »Blaue Papier­katzen können niemanden mit ihrem Brillen­blick verfolgen!« Das wusste er von den bunten Papier­stücken, die Frauchen sich immer vor die Augen hielt und ihm daraus erzählte, was in der Menschen­welt so vor sich ging. Leo mochte das Papier, weil es sich geräusch­voll zerfetzen und durch die Luft wirbeln ließ. Aber noch nie hatte ihn eines der Bilder mit den Augen verfolgt.

Gelangweilt wandte sich Leo ab, wollte elegant zum Sofa hinunter springen. Da hatte er das kribbelnde Gefühl, beobachtet zu werden. Mit bebenden Schnurr­haaren wandte er sich um und zuckte zusammen: Frauchen stand in der Tür und sah genauso aus, wie die blaue Brillen­katze auf dem Papier! Abwehrend schüttelte er seine Vorder­pfote, der Zettel geriet in Bewegung und segelte unter das Sofa. Frauchen hatte das Malheur wohl nicht bemerkt, denn sie verschwand mit ihrem Brillen­katzen­gesicht im Neben­zimmer.

Leo sprang dem Zettel hinterher und schnüffelte daran. Es knisterte unter seiner Nase. Wieder schien es, als verfolge die Brillen­katze seine Bewegungen. »Lass das, du Flohsack«, mur­melte jemand mit leicht verärger­tem Unter­ton, aber nicht unfreund­lich. Leo spähte umher, wer denn da ihm gegen­über so eine dicke Lippe riskierte. Doch da war niemand. Verwun­dert beäugte er wieder den knistern­den Zettel: Die Brillen­katze blickte ihn durch­dringend aus dem Papier an, rührte sich aber nicht. Leo umrun­dete den Zettel erneut, ließ dabei die blaue Brillen­katze keine Sekunde aus den Augen. Doch außer, dass sie ihn immer­zu an­schaute, geschah nichts.

Der Stein

Begegnung

18. Mai, 16:35
Ich gehe mit Garou auf dem Räuschen­berg spazieren. Zu meinen Füßen ist alles nur grau, grün und braun. Dazwischen glüht unver­mittelt ein schwarzer Stein auf wie eine Höhen­sonne, blendet mich, reißt mich an sich wie ein Magnet einen Nagel. Ich muss ihn mitnehmen! Merk­würdige Gedanken kreiseln plötzlich in meinem Kopf. Füllen ihn gänzlich aus Ich bin fassungs­los: Was geht hier vor?

18. Mai, 17:19
Der Stein liegt vor mir auf dem Schreib­tisch, zwingt meinen Blick zu sich hin, fesselt mich. Ich starre ihn an, zu jeder Bewe­gung unfähig. Täusche ich mich, oder flimmern seine Kon­turen tatsächlich. Meine Augen brennen von dem Versuch, den Stein zu fixieren. Ich reibe vergeb­lich. Dünne Strahlen drägen aus dem Stein zu mir hin! Nur eine Täuschung? Ich schiebe mit letzter Kraft ein Papier darüber.

19. Mai, 8:56
Nach einer schlaflosen Nacht, in der mich uner­klärliche, gestalt­lose Gedanken umtrieben, sitze ich schon wieder am Schreib­tisch: Ich will, nein, ich muss ihn berühren! Eine Woge der Angst schlägt über mir zusammen, es ver­schlägt mir den Atem, ich weiche zurück. Milli­meter für Milli­meter zerrt es meine Hand hin zu dem matten Schimmer. Seltsame Mase­rungen und Kratzer ziehen sich über ihn hin, zeugen von gefähr­lichen Ereignissen. Ein mächtiger Sog scheint den Stein von innen zusammen­zuziehen: Seine Oberfläche ist eingedellt wie eine Getränke­dose, die als Fussball miss­braucht wurde.

19. Mai, 9:03
Der Stein schaut aus wie der Schädel eines Urwelt­tieres. Sein Schwarz brennt vor dem hellen Holz des Schreib­tisches ein ebenso schwarzes Loch in mein Gehirn. Angst! Ich habe meine Hände nicht mehr unter Kontrolle. Krampf­artige Zuckungen bis in die Finger­spitzen peinigen mich. Quälen mich zu Tode, wenn ich ihn nicht berühre: Ich muss! ich kann nicht anders. Mein Wider­stand wirft Blasen wie ein lackiertes Blech im Feuer, schmilzt dahin, tropft zäh ins Nichts. Vorbei!

Der Stein hasst mich! Mein Finger klebt an seiner Ober­fläche. Ich schaffe es nicht, ihn zurück­zuziehen, mich von dem Stein zu lösen. Panisch schiebe ich mich mit den Füßen fort vom Tisch, fort vom Stein. Der Stuhl kippt polternd um. Das Geräusch reißt mich aus meiner Schreck­starre.

19. Mai, 9:07
Gefühle über­schwemmen mich: Hass! Angst! Fremd! Gefahr! Ich will das nicht! Fremde Gefühle strudeln mich willenlos IN das kalte Schwarz!

Ziel

Der Stein hat mich verschluckt! Hilflos schwebe ich in seinem Inneren. Rudere hektisch mit den Armen. Wo ist oben? Rund­herum endlose Tiefe. Fühlt Welt­raum sich so an? Du klebst im Nichts. Keine Orien­tierung. Dein Gehirn rebelliert, sucht Halt, will, braucht einen festen Punkt.

Der Stein! Ich hatte ihn voll­kommen vergessen! Jetzt nehme ich seine Kon­turen wahr, blicke hindurch. Sehe mich am Schreib­tisch sitzen: Riesig! Mich friert: Der Stein hasst mich. Abgrundtief! Er verzerrt sich zu einem grinsenden Toten­schädel, in dessen Hirn­schale ich herumdümpele. Ich schlage mit gro­tesken Bewe­gungen um mich wie ein Ertrin­kender, will zur durch­sichtigen Wand des Steins gelangen. Ich muss hier raus! Die Wand, der Stein zieht sich vor mir zurück. bleibt uner­reichbar, ungreif­bar.

Bin inzwischen kraft- und mutlos. Zwischen meine Gefühle drängen sich die des Steins: Sein Hass zerdrückt mich. Er zieht sich um mich zusammen. Mit ent­setztem Ers­taunen bemerke ich hinter dem Hass Hilflosig­keit: Der Stein braucht mich! Ich frage mich schaudernd, wofür? Meine Schreie ver­hallen ton­los. Panik treibt mich zu selbst­zerstöre­rischer An­strengung: Raus! Egal wie, nur weg von hier!

Ich gebe auf. Kann nicht mehr. Will nicht mehr. Ich öffne meine Augen. Tränen­blind erkenne ich: Der Stein hüllt mich ein. Unge­rührt von meiner Panik, meinem Ent­setzen. Wo bleibt das Ende? Spielt er mit mir? Gefällt er sich darin, meine sinn­losen Bemühun­gen in seinem Inneren zu be­lächeln? Warum? Was will er von mir?

Ich schaue mich verzweifelt an: Da draußen sitze ICH am Schreib­tisch. Wie tot! Das bin ich hier drinnen ja irgend­wie auch. Ruhe. Schlaf. Tod. Ich spüre mich nicht mehr.

Gedanken­blasen perlen in mir hoch wie in einer geschüttel­ten Sekt­flasche: »Ich bin draußen!« Heftig schlage ich mit dem Kopf auf den Schreib­tisch.

Der Handleiher

Das Leben des Johannes Nessel

Näher, mein Gott, zu Dir

Seine Hände glitten sanft über die dünne Decke hinauf zu seiner schmer­zenden Brust. Doch er spürt schon seit einigen Tagen nicht mehr das beru­higen­de Pul­sieren in seinen Hän­den, das ihn sein ganzes Leben beglei­tete. »Hat sich der All­mächtige nun endlich ent­schlossen, mich zu sich zu rufen.» Johannes stellte es ohne Bedauern fest. So war es immer, so würde es ewig bleiben: Vertraue auf GOTT, Deinen HERRN! Das war Johannes simple Lebens­regel, seit er seine ›heilend­en Hände‹ entdeckt hatte. Der Schmerz atmete tief, um sich für den nächsten, vielleicht den letzten, Angriff zu rüsten. Johannes ent­spannte sich und sank in einen unruhi­gen Schlaf.

Der Ruf

Der Junge schreckte auf: Jemand hatte ihn gerufen. Sitzend lauschte er in die Dunkel­heit. Der Morgen war noch fern. Leicht­füßig schlüpfte er die Stiege hinunter und horchte erneut in die kalte Nacht. Nichts! Er wandte sich bereits wieder der Stiege zu, als ein Flüstern in seine Ohren drang. Wie aus großer Ferne wehte eine sanfte Stimme heran. Der Junge erspürte eine unge­heure Kraft unter dem Flüstern: »Johannes! Spute Dich! Deine Schwester bedarf Deiner Hilfe. Spüre Deine Hände und hilf ihr!«

Der Junge stand einen Moment verwirrt und un­schlüssig auf der großen Tenne. Woher kam die Stimme? Kein Schatten, kein Atmen, keine Bewe­gung verriet die Anwe­sen­heit eines anderen Menschen. Johannes zog ängst­lich die Schultern hoch. Neuer­dings hörte er häu­figer eine fremde Stimme, die ihm dies oder das auftrug. Manchmal waren es Dinge, die für einen Fünf­jährigen ganz schön schwer waren. Doch meist war es einfach: Er sollte nur seine Hände spüren, wenn es jeman­dem schlecht ging.

Seine Hände wussten immer von selbst, was zu tun war, wo es weh tat. Oft waren die Kranken anderer Mei­nung und wollten seine Hände dort­hin schieben, wo sie den Quell des Schmerzes vermu­teten. Aber seine Hände irrten sich nie! Sie fühlten sich in diesen Momenten so merkwürdig an: pelzig und prall.

Wenn Johannes sich ganz vergaß, machte GOTT etwas mit seinen kleinen Händen – und das Schlechte, das Krank­machen­de wurde schwächer und verschwand schließlich. Johannes dachte immer: »GOTT leiht sich meine Hände, ohne dass ich ihn sehen kann. Aber ich spüre ihn ganz fest in meinen Händen.«

Johannes hoffte immer noch gegen alle Vernunft, den Allmäch­tigen einmal zu Gesicht zu bekommen. Er lachte, während er barfuß durch die Nacht lief. Die Kühe im Stall würden es schon einige Stunden ohne ihn aus­halten. Zur Melk­zeit wäre er bestimmt zurück.

Lisa

»Wo kommst Du denn her, Johannes? Du solltest doch bei den Kühen bleiben. Marsch, geh sofort zurück!« Die Mutter sagte es barsch, doch nicht unfreund­lich. Johannes fühlte ihre Sorgen in ihrer Stimme. »Ich wollte nur nach Lisa schauen. Sie braucht meine Hilfe, hat GOTT zu mir gesagt. Da musste ich doch gehor­chen.« Seine Mutter nickte ge­quält: Manch­mal nervte der naive Gottes­glaube ihres jüngsten Sohnes gewal­tig. Aber da ihn in solchen Momen­ten nichts und niemand von seiner Ab­sicht ab­halten konnte, ließ sie ihn achsel­zuckend gewähren.

Vielleicht war es ja auch gut so: Lisa war todkrank. Arzt und Priester waren ausnahms­weise einmal einer Meinung: Mit ihrer Tochter Lisa ging es rasch zu Ende. Noch einige Tage, einige Wochen mochten ihr vergönnt sein. Sie fühlte Bitter­nis in sich aufstei­gen. Ihre Tochter würde nicht am Grab ihrer Mutter beten und an sie denken. Der Schmerz in diesem Gedanken sprengte der Mutter fast die Brust. Konnte das Gottes Wille sein? Das musste es wohl, denn nach mensch­lichem Ermessen gab es keine Hoff­nung, keine Hei­lung.

Ein lauter Schrei, der in ein erlöstes Stöhnen über­ging, riss die Mutter aus ihren trüben Gedanken. »Lisa!« Aus ihrer Kammer war der Schrei ertönt. Was hatte Johannes wieder ange­stellt? Das Bild, das sich ihren Augen bot, konnte schreck­licher nicht sein: Lisa wälzte sich nackt und stöhnend auf dem Boden, als würden Krämpfe sie schütteln. Johannes stand über ihr mit blut­tropfen­den Händen und blickte angst­voll auf seine halb­wüch­sige Schwester hinunter. Das Blut an seinen Händen schien er nicht wahr­zu­nehmen.

»Was hast Du getan?«, schrie die Mutter entsetzt. Grob stieß sie ihn zur Seite und kniete neben ihrer Toch­ter nieder. »Nichts!«, protes­tierte Johannes em­pört. Doch seine Mutter hörte ihn nicht: Mit klammem Herzen beugte sie sich zu Lisa hinunter, deren Stöhnen in­zwischen in ein hei­seres Lachen über­ge­gangen war. Keuchend und lachend setzte Lisa sich auf, hockte ihrer Mutter gegen­über. Der magere Körper, der erste frauliche Run­dungen an­deutete, bebte im Takt des Keuchens und Lachens. Dann sprang sie auf, zog ihre Mutter mit sich und tanzte im Raum umher, wie von der Taran­tel ge­bissen. Ver­wirrt drückte sie ihre Tochter an sich. Waren das die letzten Leben­saus­brüche vor dem Tod? Wo kam die leben­dige Kraft auf ein­mal her, mit der der schmale Leib um sie herum­wirbelte?

»Kind! Was ist mit Dir geschehen? Was hast Du denn?« Sie spürte den kindlichen Leib, der schon vom Tod gezeichnet schien. Doch da war etwas Neues, Anderes: Unbän­dige Lebens­energie tobte nun in ihrem Kind, das ihr wegen der schweren Geburt beson­ders ans Herz ge­wachsen war: Beinahe wären sie beide bei der Geburt gestor­ben. Sie schob Lisa verwirrt von sich. Dann erschrak sie heftig: Das Mal des Todes, die gewal­tige Geschwulst, die den Leib ihres Mädchens so grausig ent­stellt hatte, war fort! Nur eine hand­teller­große, rosa­farbene Stelle auf der bleichen Haut zeugte noch von ihrer Existenz.

»Er hat das gemacht!«, lachte Lisa und deutete auf Johannes. Der stand in einer roten Lache. Noch immer tropfte Blut von seinen herab­hängen­den Händen. Reg­los stand er, wie gebannt, ohne seine Umge­bung wahr­zu­nehmen.

»Was? Wie? Was hat Johannes gemacht?«, stotterte die Mutter konsterniert. »Johannes hat seine Hände auf meinen Bauch gelegt, während ich schlief. Sein Puls pochte so heftig, dass ich ihn deut­lich fühlen konnte. Dann gab es einen furcht­baren Ruck, als ob ich zer­rissen würde. Ich glaubte, ich sterbe. Plötzlich wurde ich ganz leicht – und alle Schmer­zen waren aus­ge­löscht. Ich fühle mich gesund, leben­dig, glück­lich!« Weinend flüchtete sie in die Arme ihrer Mutter. Die wandte sich ihrem er­starrt daste­hen­den Sohn zu. Mit Ent­setzen betrach­tete sie ihn, sah ihn an wie einen Fremden, der ihr zum ersten Mal begeg­net.

Vor ihm niederkniend, rüttelte sie ihren Jüngsten und nahm ihn ernst in die Arme. Allmäh­lich löste sich seine Er­starrung. »Was hast Du denn, Mama?« Johannes schaute ihr fragend ins Gesicht. »Ich habe nur meine Hände gespürt. So, wie ER es mir gebo­ten hat.« Schau­dernd streichel­te sie über den Kopf des Jungen. Zwischen Angst und Ent­setzen schwan­kend, fragte sie sich, was aus ihrem Jungen werden würde.

Schwarze Kunst

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln. Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille. Ich schlendere ungestört durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. »Sie interessieren sich für die Kunst des Druckens?« Italienischer Akzent? Sein Gesicht bietet meinem Blick keinen Halt: nicht Mann, nicht Frau. Etwas dazwischen. Ein Zwitter-Gesicht auf einem Hals, der wie die Stange eines Kleiderständers aus einem unmodernen Anzug mit Weste ragt.

»Wieso fragen Sie?«, reagiere ich überrascht, denn ich halte ihn für eine Aufsicht des Museums. Er streckt mir wortlos einen abgeschabten Karton entgegen. Die Deckelseiten sind nach innen gefaltet. Ich erkenne silbrig glänzende Lettern und eine Setzschiene, einen ›Winkelhaken‹, wie er mir erklärt. »Probieren Sie es.« Ich verstehe nicht, was er meint. »Setzen Sie etwas Bedeutsames. Das ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.«

Er betont das Wort ›Kunst‹, als schmecke er etwas Exquisites. Entschlossen stellt er den Karton auf einem Tischchen ab und verneigt sich leicht. Ohne Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, verschwindet er in den verzweigten Gängen. Ich zögere, will ihm ein »Nein. Vielen Dank!« hinterher rufen.

Doch er ist schon fort. Nicht einmal seine Schritte höre ich. Bin hin- und hergerissen: Sollte ich nicht einfach gehen? Oder doch bleiben? Was soll das Ganze? Seufzend sinke ich auf einen Stuhl vor dem zerbrechlich wirkenden Tischchen. Wähle Lettern aus dem Karton und reihe sie auf der Tischplatte aneinander. Geschwärzt vom häufigen Gebrauch stehen die Buchstaben spiegelbildlich vor mir. Die Bleisockel zeigen matten Glanz, fühlen sich klebrig an, wie geölt.

Ich setze wahllos Buchstaben auf den Winkelhaken. Etwas Bedeutsames soll ich setzen? Mir fällt nur der einfältige Satz »Wo bist Du? Ich bin hier« ein. Buchstabe für Buchstabe wühle ich aus dem Durcheinander im Karton heraus. Unverständliches Geplapper aus dem Nebenraum lenkt mich ab: Da war doch niemand mehr. Ich springe auf und schaue in den angrenzenden Raum: Er ist leer. Nachdenklich kehre ich an das Tischchen zurück. Auf der Schiene steht ein Wort: »Lettern!«

Das habe ich nicht gesetzt! War jemand hier? Ich schüttele die Lettern in den Karton und beginne von Neuem. Setze Buchstabe für Buchstabe auf den schweren Winkelhaken: »Wo bist D...«. Eine unsichtbare Kraft schiebt meine Buchstaben ungeduldig klappernd von der Schiene. Was immer ich nun setze, wie durch einen Zauber erscheint stets nur: »Lettern«.

Irritiert suche ich den älteren Herren, der mir den Karton in die Hand drückte. An der Kasse erfahre ich überrascht, dass es hier keinen älteren Herrn als Aufsicht gibt. Da habe sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Die Bleilettern gehören entsorgt: in die Gitterbox neben dem Ausgang. Erleichtert lasse ich den Karton hinein fallen.

Der blaue Schirm

Erste Begegnung

Der Tag war wie geschaffen für eine Depression. Ich hatte mich vor den Fluten des Himmels unter den Balkon über der Freitreppe des Rathauses geflüchtet. Trotzdem war ich nass bis auf die Haut. Der dünne Pullover über dem T-Shirt schien sich zu einem Eispanzer um meine Brust zusammenzuziehen.

Bibbernd beobachtete ich den schwarzen Strom, der sich mir entgegenwälzte: Regenschirme in allen Nuancen von Schwarz und Grau, der sich vor mir am Fuß der Treppe teilte. Nur einige unentschlossene Schirme kreiselten vor der Treppe herum, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können.

Von meinem erhöhten Standpunkt aus wirkten die Schirme herrenlos: Unter dem schubsenden, schiebenden, schwarzen Gewusel blieben die Träger unsichtbar. Mir drängte sich der Eindruck eines hungrigen Mischwesens aus Kellerassel und Tausenfüßler auf. »Du solltest nicht Biologie studieren, sondern Science-Fiction-Romane schreiben«, hörte ich im Geiste meinen Mitbewohner im Studentenheim dozieren.

Während ich gewohnheitsmäßig Block und Stift aus dem Rucksack zog, um meinen ›Kellerassel-Tausendfüßler‹ zu skizzieren, nahm ich eine irritierende Störung am Rande meines Gesichtsfeldes wahr. Mit zusammengekniffenen Augen hob ich den Blick. Die Schwarzfront war gestört: Ein blauer Schirm tänzelte eilig durch die Menge. Fast schien es, als wichen die schwarzen Schirme vor der intensiven Farbe zurück.

Fasziniert verfolgte ich den Weg des leuchtenden blauen Flecks auf mich zu. Zielsicher steuerte der Schirm auf die Treppe zu, wich elegant den zögerlichen Kandidaten aus, die am Treppenfuß umherirrten. Dann stieg der Schirm wie eine blaue Venus aus schwarzem Wasser die Treppe herauf. Mit offenem Mund starrte ich das grazile Mädchen an, das gerade den Knauf des Schirmes in die andere Hand wechselte. Dabei schüttelte sie ihren Kopf, dass ihre hüftlangen Haare sie umflossen wie eine nussbraune Stola.

Lächelnd schenkte sie mir einen strahlenden Blick und schwebte an mir vorüber. Gebannt von diesem Blick verpasste ich die Gelegenheit, mit ihr das Gebäude zu betreten. Als ich endlich aufsprang und ihr folgte, war sie schon verschwunden. Hektisch rannte ich die Gänge auf und ab, schaute in etliche Räume, doch ich fand sie nicht wieder. Mir blieb nur die Erinnerung an strahlend blaue Augen, eine braune Mähne – und einen blauen Schirm.

Dann entdeckte ich die Regentropfen auf den Bodenfliesen. Mein Herz begann zu rasen. Blind für alles andere hastete ich auf der Spur der Regentropfen entlang, an deren Ende ich SIE zu finden hoffte. Eine Tür ins Freie beendete meinen Freudentaumel jäh: SIE hatte das Gebäude wieder verlassen, war im Trubel der Einkaufsstraße verschwunden, ohne mir durch ihren blauen Schirm ein Signal der Hoffnung auf ein Wiedersehen zu geben.

Die »Fantasien« werden fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.