Lesestunde

Buchvorstellungen, Rezensionen, ...

Und morgen regieren wir uns selbst will anstiften zum kritischen Denken, zum Reflektieren, zum Kämpfen. Es will Mut machen, die bestehenden Verhältnisse nicht einfach hinzunehmen. (Quelle: Klappentext vorn)

Andrea Ypsilanti will mit ihrer Streitschrift ncith gefallen, nicht Zustimmung erheischen. Sondern: »Jede Kritik ist mir willkommen. Nichts wäre langweiliger als ein Streit, der nicht geführt wird.«

Worum es geht: Ypsilanti hält es mit Theodor W. Adornos Hans im Glück (in Minima Moralia):

»Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.«

Ypsilanti sieht die ›Geburtsstunde‹ des neoliberalen Siegeszuges im Jahr 1978, als Margaret Thatcher mit dem Slogan »Labour isn't working« den Wahlkampf gegen die regierende Labour Party in Großbritannien begann.

»Arbeiten, um zu leben«: Die Definition des Lebensstandards im Sinne von Autos, Fernsehapparaten und ... ist die Definition des Leistungsprinzips an sich. Jenseits dieses Prinzips würde das Lebensniveau mit anderen Kriterien bemessen; dort würde es sich um andere Dinge handeln: um die weltweite Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse und um die Freiheit von Schuld und Angst.

... Die Frage der Freiheit und eines guten Lebens hängt nicht alleine an der materiellen Verfügung und Versorgung. Ohne Frage bildet sie die Essenz; natürlich kommt immer »erst das Fressen und dann die Moral« (B. Brecht, Dreigroschenoper).

Wenn jedoch die Grundbedürfnisse gedeckt sind, öffnet sich ein großes Feld menschlicher Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten.

Wie immer man zu den Thesen Ypsilantis steht, ändert nichts daran, dass sich etwas ändern muss: Der Zug der neoliberalistischen Lemminge ist auf dem direkten Weg in den Abgrund unentlichen Wachstums.

krdau
liest gerne Fantasy, Science-fiction, Krimis und
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Die Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felbers alternatives Wirtschaftsmodell, hat ein überwältigendes Echo ausgelöst ... (Quelle: Klappentext vorn)

Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland wünscht sich laut Umfragen eine »neue« Wirtschaftspolitik! Woran liegt es, dass der Glanz des kapitalistischen Wirtschaftens so stark verblasst ist? Ist es nur das immer deutlicher werdende moralische Versagen der Wirtschaftslenker und der politischen Klasse?

Christian Felber, Politikwissenschaftler, Soziologe und Psychologe, beschreibt tiefergehende Symptome: Die kapitalistische Marktwirtschaft ist am Auslaufen. Der gebetsmühlenartig wiederholten Phrase, es gäbe keine Alternative, zum Trotz entwirft Felber ein grundlegend neues Modell des Wirtschaftens zum Wohle aller, eben zum »Gemeinwohl«.

Im Kern geht es ihm um eine demokratische Neuordnung der Wirtschaft: »Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.« (Verfassung des Freistaates Bayern, Art. 151)

Felber räumt zunächst einige tief verwurzelte Mythen über den Kapitalismus und seine Randbedingungen aus. Zum Beispiel: »Wettbewerb/ Konkurrenz sporne die Menschen zu unvergleichlicher Leistung an, abgesehen davon, dass er (der Wettbewerb) in der Natur des Menschen angelegt und deshalb unvermeidbar sei«. Felber konstatiert, dass eine Mehrheit von 87 Prozent der untersuchten Studien zum Thema zu dem überaschenden Befund gelangt, dass Konkurrenz nicht die effizienteste Methode sei, die wir kennen! Sondern: die Kooperation!

Kooperation motiviere über gelingende Beziehungen, Anerkennung, Wertschätzung, gemeinsame Zielsetzung und -erreichung.

In der Folge geht Felber detailliert auf die krassen Folgen von Gewinnstreben und Konkurrenz ein, die »zehn Krisen« des Kapitalismus: Machtmissbrauch; Ausschaltung des Wettbewerbs und Kartellbildung; Standortkonkurrenz (und in der Folge Lohndumping, Deregulierung, Absenken von Umweltstandards, etc.); Willkürliche Preisbildung; Soziale Polarisierung/ Angst; Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen, ökologische Zerstörung; Sinnverlust; Werteverfall; Ausschaltung der Demokratie (u. a. über Welthandelsabkommen).

Wirtschaftlicher Erfolg muss, anstelle von rein monetären Indikatoren, neu definiert werden: Menschen benötigen letztendlich Nutzwerte für ihr (Über-) Leben. Als Mittel zur Messung der Nutzwerte schlägt Felber die »Gemeinwohl-Bilanz« vor.

Seit der Stunde Null der Gemeinwohl-Ökonomie im Oktober 2010 haben sich Hunderte von Firmen, Organisationen und Privatpersonen an der Weiterentwicklung der Gemeinwohl-Bilanz beteiligt. Gemessen werden fünf »Werte«, die in vielen Verfassungen sowie im Grundgesetz enthalten sind: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Demokratie. Nichts Neues, könnte man geneigt sein, festzustellen. Doch wenn diese Werte auch in Verfassungen, im Grundgesetz und in den meisten Religionen eine bedeutende Rolle spielen: In der kapitalistischen Wirtschaft gelten sie – nichts! Sozialmedizinische Studien zeigten, so Felber, dass in den höchsten ökonomischen Entscheidungsetagen ein – gemessen am Durchschnitt der Bevölkerung – signifikant höherer Anteil an soziopathischen, nicht zu Empathie und Mitgefühl fähigen, narzisstischen und suchtkranken Persönlichkeiten vertreten sei.

Für den raschen Überblick gibt Felber am Ende seines Buches eine ›Zwanzig-Punkte-Zusammenfassung‹. Selbstredend betrachtet Felber seinen Entwurf nicht als in Stein gemeißelt, sondern als lebendiges, sich entwickelndes Modell einer alternativen Marktwirtschaft. Seine Kritiker kommen kaum über Scheinargumente und persönlich verletzende Verunglimpfungen hinaus. Schade, aber im beschriebenen Wirtschaftskontext erwartbar.

Wer sich selbst ein Bild machen will: Gemeinwohl-Ökonomie. Oder er erwirbt das Buch und erhält einen deutlichen ›Nutzwert‹ an Informationen und Anregungen für das eigenen Handeln.

krdau
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Peter Demetz schreibt dazu: »Die Art und Weise, wie Andersch erzählt, sagt selbst schon Entscheidendes darüber aus, wie es in einer deutschen Kleinstadt an der Ostsee, im Oktber 1937, wirklich zugeht: die Öde regiert, die Menschen sprechen selten miteinander, weil sie einander nicht mehr trauen, und die Denkenden denken für sich allein.«

Der Roman hat mich tief berührt. Jede Seite atmet das Thema ›Flucht‹ aus der Perspektive von fünf Handelnden. Flucht aus der Öde, aus der Aufgabe, aus der Verantwortung, aus dem System, aus der Unfreiheit. Damit zugleich aber auch die Flucht aus der Gesellschaft/ der Gemeinschaft.

Noch einmal Peter Demetz: »Gewiß ist jedenfalls, daß er von nun an als einzelner, ganz und gar auf gestellt sich, die richtigen Fragen und die unabhängigen Antworten suchen wird.«

Gregor, eine der fünf Figuren des Romans, zu Beginn seiner Flucht: »Nein, dachte Grgor, nicht vom Meer hängt es ab, ob ich fliehen kann. Das Meer trägt. Es hängt von Matrosen und Kapitänen ab, von schwedischen oder dänischen Seeleuten, von ihrem Mut oder ihrer Geldgier, und wenn es keine schwedischen oder dänischen Seeleute gibt, so hängt es von den Genossen in Rerik ab ... Es wäre einfacher, dachte Gregor, vom Meer abhängig zu sein, statt von den Menschen.«

Sansibar erschien 1957 im Diogenes-Verlag, Zürich, als Text der ›Nachkriegsliteratur‹. Ich habe es in den Achtziger Jahren mit großem Vergnügen gelesen und Jahre später gelegentlich wieder hervorgezogen, ohne dass es seinen litararischen Reiz verloren hätte: Längst ist dieses Werk zur ›klassischen‹ Lektüre avanciert.

Alfred Andersch
Zeichnung (dem Buch entnommen) von Herbert Joos

krdau
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Ein Krimi, der dem Leser zu Beginn auf leisen Sohlen – und ein wenig geruhsam entgegenkommt. Doch dieser schweizerisch-ruhige Einstieg täuscht gewaltig!

»Aber Jonas Brand war nicht abgebrüht. Er war nicht einmal ein richtiger Videojournalist. Dass er in diesem Beruf gelandet war, hatte er einer Reihe von Zufällen zu verdanken.«

Dieser Jonas Brand träumt davon, ein Filmprojekt »Montecristo« zu realisieren. Eine Geschichte, die »nach dem Prinzip des Grafen von Monte Christo funktioniert, aber heute spielt.«

Durch zwei Banknoten – mit identischer Seriennummer – verheddert sich Brand in einem Verschwörungs-Netz im Schweizer Finanzsystem ...

Desillusionierend, was unser Finanzsystem angeht, faszinierend, soweit es den überraschenden Plot angeht. Und ein spannender Lesegenuss!

krdau
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Gleich zu Beginn macht Johannes Huber einige interessante Aussagen:

»Am Anfang war die Information.«

»Alles ist durch Information geworden.«

»In ihr war das Leben.«

»Der Mensch begreift weniger als er glauben kann.«

Ein Einstieg, der auf weitere Erkenntnis hoffen lässt.

krdau
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Hacke stellt eingangs die zentrale Frage:

Was heißt unter diesen (d. h. den gegenwärtig obwaltenden) Bedingungen, ein anständiges Leben zu führen?

Was versteht man heute unter »Anstand«?
Hacke erläutert, »... anständig sein bedeutet, Rücksicht zu nehmen, zu bedenken, welche Folgen das eigene Verhalten für andere haben.« Weiter führt er aus, »... unter Anstand würde ich einen Sinn für Gerechtigkeit verstehen, auch ein grundsätzliches Gefühl der Solidarität mit anderen Menschen, für Fairness, für Ehrlichkeit, Offenheit, Aufrichtigkeit, Selbstkritik, den Willen, sich an diese Gebote zu halten, so gut es geht.« und »... dass man beim ›Üblichen‹ nicht mitmacht, wenn es unanständig ist.

Interessant – und zutreffend – finde ich den Rückgriff auf Cicero: »... jeder habe den Anspruch darauf, nicht verletzt zu werden. Wie das Recht darüber wacht, dass dies nicht mit dem Messer geschieht, so der Anstand, dass man mit Worten darauf verzichtet.«

Allerdings sieht Hacke einen »Konflikt zwischen einer weitgehend Gesetzen folgenden, durchaus auch moralisch ambitionierten Gesellschaftsordnung und dem Handeln vieler Einzelner, denen es nicht um diese Ordnung, sondern um die maximale Ausnutzung persönlicher Spielräume und die Verteilung der eigenen Ungebundenheit geht.«

Im Weiteren konstatiert Hacke einen Mangel an Vision ...
»Fehlt uns nicht im täglichen Lebensgeschwurbel als auch in der politischen Situation, ... etwas von einem gewissen Pathos, von einer klar formulierten Vision dessen, was und wie wir als Einzelne im Leben mit anderen sein wollen?«

Ein Schwenk zu den sozialen Medien leitet grundlegende Fragen zum Verhalten der Menschen in diesen Medien ein:
»Die sozialen Medien sind nur zu einem Teil sozial. Zum anderen Teil sind sie zutiefst asozial: Sie vereinzeln uns und machen uns gemeinsam einsam!«
Hacke weiter: »Ich würde gerne verstehen, WARUM die Art, wie wir miteinander umgehen, uns heute immer wieder so entgleitet, WARUM wir uns so feindselig gegenüberstehen, WARUM so vieles, das wir als gesichert ansahen, heute auf einmal so unsicher ist.«

Er findet die Begründung in der Vergangenheit: »Die sozialen Instinkte der Frühmenschen waren auf kleine Gruppen ausgelegt – und damit auch unsere.« Will sagen, dass unsere frühmenschlich geprägten Instinkte in größeren Gruppen bzw. sozialen Geflechten zum ›Fremdeln‹ neigen.

Hacke verweist auf eine nachdenklich machende Feststellung von Norbert Elias (Über den Prozess der Zivilisation): »... der Mensch kontrolliert im Laufe des zivilisatorischen Fortschritts seine Impulse immer mehr, weil er abhängigier von anderen wird und deshalb lernt, die Rückwirkungen seines Handelns zu bedenken. Dass aber dieser Prozess zwar eine Richtung kennt, aber nicht unaufhaltsam ist, sondern Rückschritte kennt, Schübe von Zivilisationsverlusten«.

Interessante Lektüre, die zu manchen »Aha«-Effekten, aber auch zu einigen nachdenklichen Einsichten führt. Lesenswert!

krdau
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»... Lasst uns die Besten austauschen ...«

Kriminalkommissar Leander Lost landet für ein Jahr bei der Polizei an der Algarve. Lost ist, nun ja, kein ganz ›normaler‹ Kriminalbeamter: Er lernt rasend schnell Portugiesisch, merkt sich mühelos die unbedeutendsten Details, aber versteht keinen Witz und tut sich schwer mit jeder Form von Humor.

Klar, dass die ›Eigenarten‹ des Alemão, des Deutschen, zu skurrilen, bisweilen bizarren Verwicklungen führen. Die Geschichte nimmt rasante Fahrt auf, nachdem Lost seinen neuen Kollegen mit Bedacht ins Bein schießt, um ihn und seine Kollegin zu retten.

Lost erlebt nicht nur die Niederungen einer von Vorgesetzten ausgedachten Teambildungs-Maßnahme, sondern erfährt erstmals in seinem Leben, was es wirklich heißt, ein ›Team‹ zu sein.

Ein Krimi der besonderen Art! Gil Ribeiro, alias Holger Karsten Schmidt, verliebte sich in die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Portugiesen. Das spürt man beim Lesen in jedem Detail seiner liebevoll gezeichneten Figuren. »Lost in Fuseta« ist ein wunderbarer Lesetipp von Bücher-Brandt.

krdau
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Recht hat er!

Eine kleine, aber feine Sammlung von »Aha«-Momenten.
Nach »Das Café am Ende der Welt« ein weiteres Büchlein,
dem sich besinnliche Ein- und Ansichten abgewinnen lassen:

Wenn ich nicht aufpasse,
konzentriere ich mich zu stark auf
die Zukunft und vergesse dabei,
dass das Leben in Wirklichkeit
eine grosse Ansammlung von
Jetzt-Momenten ist.

krdau
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Dreizehnlinden


Zweimal – dazwischen liegen ca. 50 Jahre

Friedrich Wilhelm Weber

Quellenangabe Foto: ECHT FOTO

Immer wieder lesenswert!

krdau
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Leseprobe (PDF-Datei
Golkonda Verlag

ARRIVAL: »Geschichte deines Lebens«

Ein verstörender Beginn: »Gerne hätte ich dir die Geschichte dieses Abends erzählt, der Nacht, als du gezeugt wurdest; doch der passende Zeitpunkt dafür wäre erst, wenn du selbst alt genug bist, um Kinder zu haben, und diese Gelegenheit werden wir nie haben ... Ich weiß, wie diese Geschichte enden wird.«

Zwei Anrufe ändern für Louise alles: Sie wird vom Militär um Rat beim Umgang mit Außerirdischen gebeten werden; und sie wird vom Tod ihrer Tochter erfahren.

Die Anekdote von Captain Cook wird von Louise benutzt werden, um die grotesken Schwierigkeiten bei der Verständigung mit Fremden zu erläutern:
Nach der Strandung vor der Küste von Queensland, Australien, traf ein Erkundungstrupp auf Eingeborene. Einer von Captain Cooks Matrosen zeigte auf eines der herumhüpfenden Tiere, die ihren Nachwuchs in einem Bauchbeutel trugen, und fragte, wie diese Tiere heißen.

Ein Eingeborener antwortete »Känguru« und so bezeichneten Cook und seine Leute das Tier fortan mit diesem Wort. Erst später erfuhren sie, was es bedeutete: »Was hast du gesagt?«

Im Verlauf der Kontaktaufnahme mit den Außerirdischen wird Louise feststellen, dass ihr »... das Vertraute entrückt war, doch das Bizarre schien mir nahe.« Ich deute dies als erste Anzeichen für die Wahrnehmungsveränderung von Louise durch die intensive Befassung mit der so grundsätzlich andersartigen Schriftsprache der ›Aliens‹: Ihr Wissen sowohl über die Zukunft als auch über die Vergangenheit drückt sich in der sprachlichen Verwendung von Vergangenem (... ich erinnere mich ...) und Zukünftigem (... die ich mit dir haben werde ...) aus.

Bald werden Louise die Implikationen dieser ›unmenschlichen‹ Art der Verschriftlichung von Sachverhalten bewusst: »Der Lichtstrahl muss wissen, wo er am Ende ankommen wird, bevor er sich für eine Richtung entscheiden kann, in die er aufbrechen will.« Ihr Denken verändert sich: »Zu denken bedeutete für mich, ... mit einer inneren Stimme zu sprechen. Mit (der Schriftsprache der Außerirdischen) erlebte ich etwas, das ... fremdartig war. In tranceartigen Zuständen formten sich vor meinem geistigen Auge (Strukturen), die sich ausbreiteten wie Eisblumen auf einer Fensterscheibe. Bevor die Ursachen in Kraft treten können, musste man die Wirkungen kennen. Das verstand ich allmählich. ... Was wäre, wenn dieses Wissen (um die Zukunft) ein dringliches Verlangen zur Folge hätte, ein Gefühl der Verpflichtung, genau so zu handeln, wie die Person wusste, dass sie handeln würde?«

Am Ende ist Louise klar: »... Genau so verhält es sich mit dem freien Willen und dem Wissen um die Zukunft. Sie schließen sich wechselseitig aus ... Ich habe meine Bestimmung von Anfang an gekannt und entsprechend meinen Weg gewählt.«

Ich überlasse die Interpretation der Geschichte dem Leser, der Leserin: Einerseits mag man darin eine resignative Grundhaltung (die Geschichte hat kein Happy End) erkennen. Andererseits ist auch – mit Louises Worten – ein Gefühl der Verpflichtung (zu erkennen), genau so zu handeln, wie sie aufgrund ihrer Kenntnis von der Zukunft handeln musste.

Ein Religionsstifter formulierte es etwas verständlicher so: »Schaue auf das Ende, bevor du deinen Weg wählst!« Die Lektüre dieses Buches – und ein vorausschauender Blick auf das Ende (dessen, was die eigenen Handlungen bewirken werden) sei jedem Politiker, aber auch dem gewöhnlichen Sterblichen angeraten!«

Auch die übrigen Geschichten (Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes, Der Kaufmann am Portal des Alchemisten, Ausatmung) halten, was der Name Chiang verspricht: Gediegenen Werke auf wissenschaftlicher Grundlage). Ich wünsche Ihnen einen schönen dritten Advent und gute Unterhaltung mit Ted Chiang.

krdau
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ARRIVAL: »Der Turmbau zu Babel«

Chiang beschreibt in appettitanregender Detailliertheit das ehrgeizigste Vorhaben der Menschheit: einen Turm bis zum Himmel zu errichten. Hillalum, ein elamischer Bergarbeiter, fühlt vor dem unendlich scheinenden Aufstieg eine Beklemmung: »Nach oben klettern, um zu graben? Das scheint mir ... unnatürlich.«

Doch als sie am Haupttor von Babylon gefragt werden, »seid ihr diejenigen, die sich durch das Himmelsgewölbe graben sollen?«, lautet ihre selbtgewisse Antwort lapidar, »das sind wir.«

Der lange Marsch dem Himmel entgegen, beginnt. »Während jener Zeit gab es Augenblicke, in denen Hillalum verzagte, sich fehl am Platze und der Welt entfremdet fühlte; es kam ihm vor, als hätte die Erde ihn aufgrund seines Unglaubens zurückgewiesen, während der Himmel sich weigerte, ihn aufzunehmen. Er sehnte sich nach einem Zeichen Jahwes, auf dass er die Menschen wissen lasse, dass er ihr Unternehmen gutheiße; ...«

Bei fortschreitender Lektüre begeisterte mich Chiangs herrlich-intensive Einfühlung in die ungewöhnlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen im Turm. Einer Stadt vergleichbar, die nicht zugehörig ist: Weder Teil der Erde, noch Teil des Himmels:

»Alle Sinne Hillalums waren von dem Anblick verwirrt. Wenn er zum Himmelsgewölbe blickte, kam es ihm manchmal so vor, als sei die Welt auf den Kopf gestellt worden, als würde er, wenn er den Halt verlöre, nach oben auf das Gewölbe zustürzen.«

Als die Arbeiter endlich das Himmelsgewölbe erreichen, »... sprachen die Priester ein Gebet an Jahwe; ... sie dankten ihm dafür, dass ihnen gewährt war, so viel zu sehen, und baten um Vergebung für ihr Verlangen, noch mehr zu sehen.«

Im Angesicht des Himmelsgewölbes tauchen Zweifel über die möglichen Folgen des Vorhabens auf: »Es ist wahr, dass wir uns mit den lautersten Absichten mühen, aber das heißt nicht, dass wir auch weise wären. Haben die Menschen wirklich den rechten Weg gewählt, ...?«

Es kommt zu einem Unglück. Hillalum war – auf eine ihm unbekannte Weise – zur Erde zurückgekehrt. »Allem Anschein nach lagen ... (Himmelsgewölbe und Erde) ... nahe beieinander, obwohl viele Meilen sie trennten. Hillalum tat der Kopf weh, als er versuchte, das zu begreifen.

Hillalum würde nach Babylon zurückkehren ... Er würde den Menschen von der Gestalt der Erde berichten.«

Chiang pflegt eine wunderbar eindringliche Sprache, die den Leser ganz in das Geschehen hineinzieht. Dank der kongenialen Übersetzung hat diese beschreibende Kraft ihren Weg in die deutsche Fassung hineingefunden.

Eine bereichernde Erzählung, die menschliche Hybris und Demut zu Geschwistern macht. Mit einem Wort: Lesenswert!

Weiteres aus Ted Chiangs Buch »Arrival« folgt.


Leseprobe (PDF-Datei
Golkonda Verlag

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»Was ist bloß aus unserer Zukunft geworden?«,
fragt Harald Welzer, Direktor der Stiftung Zukunftsfähigkeit – Futurzwei*,
und diagnostiziert eine von »politischer Lähmung befallene Gesellschaft.«

Zerstörung

Er zeigt auf, was wir alle bereits wissen, oder zumindest ahnen: »dass unser grandios erfolgreiches Zivilisationsmodell mit Endlichkeiten konfrontiert ist, mit denen es nie gerechnet hatte.«

Abgesehen davon, dass es meines Erachtens nie die Systeme, die Modelle sind, die mit etwas nicht rechnen, sondern die handelnden Menschen, trifft seine Feststellung ins Mark: »Trotz der vielen Zeichen von Erosion, trotz des fühlbaren Näherkommens der Einschläge auf dem Finanzmarkt, im Sozialbereich, in der Umweltpolitik, ... und aller Schulden – die Infrastrukturen funktionieren weiter tadellos.« und »... Wir bewältigen den gegenwärtigen Erosionsprozess ... durch souveränes Verachten der Wirklichkeit und durch Rücksichtslosigkeit gegenüber denen, an deren Zukunft man Raubbau betrieben hat.«

Trustokratie

Welzer erkennt »...hinter den Kulissen nationalstaatlicher und internationaler Politik ... eine Trustokratie, die ... unter sich alle denkbaren Regierungs- und Staatsformen duldet, sofern diese nur kapitalistisch wirtschaften.«

Ich spreche über Sie!

»Der neue Mensch: Er verändert sich permanent durch die Bedürfnisse, die immer aufs Neue in ihm geweckt werden, und ist unablässig mit ihrer Befriedigung beschäftigt. Sie werden es schon gemerkt haben: Ich spreche über Sie.«

Selbst denken

Was macht es denn so schwer, sich zum Handeln gegen den Strom aufzuraffen? Welzer erklärt dazu, »... man muss die provisorische Entwicklung eigener Gedanken gegen zum Teil gut erprobte Argumente verteidigen, man kann widerlegt oder für doof gehalten werden, Reputation verlieren, kurz: Der Dissens kostet viel mehr als das Einverständnis, er strengt auch an. Selbst denken hat Aufforderungscharakter gegen sich selbst. Man kann nicht bequem eigener Meinung sein, es sei denn, sie wäre identisch mit der aller anderen.

Aber genau hier fängt das Politische an: mit dem Nichteinverstandensein, das zwei Konsequenzen nach sich zieht. Erstens: Man muss weiter denken, wenn man sich erlaubt hat, selbst zu denken. Zweitens: Es wird unbequem ... Wissen kann durchaus als Denkhindernis wirken.«

Welzer kommt schließlich zu der Vorstellung, »... es ist die Zukunft, die die Kriterien bestimmt, nach der wir in einer Gegenwart zu handeln haben, und da wir wissen, dass wir diese Zukunft nicht mit Expansion meistern werden, hätten wir schon mal ein Kriterium für das, was wir nicht mehr gebrauchen ... können ...

Das für die nachhaltige Moderne notwendige Wissen entsteht und erprobt sich im Entwerfen, Ausprobieren, Experimentieren, Prüfen, Austauschen, Generalisieren, erneut ansetzen usf.«

»Die Geschichte der nachhaltigen Moderne wird von jenen geschrieben, die sie erproben, weil sie von ihr träumen.«

Am Ende des Buches schildert Welzer eine Einsicht über den Weg in eine nachhaltige Moderne, die mir – als Autor – besonders gefallen hat:

»Eine gute Geschichte hat ja nicht nur einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss; sie hat auch jede Menge Komplikationen, ihre Protagonisten müssen Hindernisse überwinden, mit Enttäuschungen umgehen, mit Widerfahrnissen leben.«

Laut Welzer braucht es drei bis fünf Prozent in jeder beliebigen Bevölkerungsgruppe, die den Prozess ingangsetzen und fördern: »Tatsächlich machen die drei bis fünf Prozent den Unterschied, weil sie praktisch zeigen und darauf beharren, dass die Dinge anders laufen sollen und können« und sich durch den einfachen Satz »wir fangen schon mal an« definieren.

In diesem Sinne: Seien Sie dabei, fangen Sie schon mal an! Wer sich noch nicht so recht traut, dem seien die »12 Regeln für erfolgreichen Widerstand« am Schluss des interessanten Buches zur Einnahme empfohlen.

Bei Anwendung des »Selbst-Denkens«
ist mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechnen ...

vd
Vernon Dure schreibt Krimis, Fiction- und Fantasy-Romane.