Geschichten

Vernon Dure

Weihnachts­Wunder­Wasser

Die Quelle

Es war einer der schlechteren Tage: Nach dem Aufwachen hatte er das Gefühl, unterhalb seines Kehlkopfes dränge der Korken einer heftig geschüttelten Champagner-Flasche nach Befreiung. Er versuchte noch, den aufsteigenden Schmerz zu ignorieren, der schließlich explodierte und nadelspitze Pfeile tief in Ludwigs Bauchhöhle jagte.

Ein Dutzend Ärzte hatte er bereits aufgesucht. Alle hatten sie ihn nach den Untersuchungen als unheilbar abgeschrieben. Nun hoffte er, sein Leidensweg fände bald ein Ende: Professor Z. war seine letzte Hoffnung, an die er sich verzweifelt klammerte. Die Internet-Seite der Spezialklinik war ihm wie ein Wink des Himmels erschienen.

Ohne lange nachzudenken, hatte Ludwig seine Patientenakte, die von Arzt zu Arzt umfangreicher geworden war, an die Klinik geschickt. Wenige Tage darauf hatte der Professor angerufen, ihm Hoffnung gegeben und auf seinen umgehenden Besuch gedrängt. Noch am gleichen Tag hatte Ludwig einen Termin mit der Klinik vereinbart.

Und jetzt diese Panne: Der Motor streikte. Zum Glück passierte es mitten in Höxter. Die Übernachtungsfrage löste sich von selbst: Der Wagen rollte vor dem Eingang eines Hotels aus. Die Dame an der Rezeption bot an, das Auto von einem Reparaturbetrieb abschleppen und reparieren zu lassen. Ludwig überließ ihr den Wagenschlüssel und telefonierte mit der Klinik, dass er wegen der Panne erst später anreisen könne.

Verärgert über die Verzögerung, aber beruhigt über die unbürokratische Unterstützung durch das Hotel, unternahm er einen Spaziergang, um auf andere Gedanken zu kommen. Bald ließ er die weihnachtlich geschmückten Gassen der historischen Altstadt hinter sich und stapfte gedankenverloren einen holprigen Fußsteig am Fuße eines bewaldeten Hanges entlang: Ein Passant hatte ihm die aufwendigen Bauten für die Umsiedlung der ›gemeinen Schlingnatter‹ als sehenswert empfohlen und den Weg dorthin erklärt.

Das gleichmäßige Rauschen des Feierabendverkehrs auf der Bundesstraße verstummte, die Bahnschranke schloss sich, von einem klagenden Bimmeln begleitet. Ein Regionalbahnzug dröhnte über die Gleise. Die Fahrzeuge setzten sich wieder in Bewegung. Ludwig lief an einer Mauer entlang auf einer schmalen Asphaltstraße. Der Verkehrslärm wurde leiser.

Ohne seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, näherte er sich einem verwilderten Haus auf der linken Seite der Straße. Ein freundliches »Guten Abend« riss ihn unvermittelt aus trüben Gedanken: Auf einer niedrigen Mauer hatte eine ältere Dame, deren weißes Haar feenhaft vor dem grünen Hintergrund von Büschen leuchtete, ein Plaid ausgebreitet und sich gesetzt.Neben ihr plätscherte Wasser in einem dünnen Strahl aus der Mauer in eine mit Platten ausgelegte Vertiefung.

Die Dame entfaltete einen Becher aus Edelstahl und schob ihn in den Strahl. Gluckernd füllte sich das Gefäß. Sie hielt Ludwig den Becher auffordernd hin. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht: »Geschmacklich eher suboptimal.«

»Es soll ja nicht schmecken, sondern heilen«, tadelte die ältere Dame und gönnte sich ihrerseits einen Becher. »Das Wasser entwickelt um die Weihnachtszeit heilende Wirkung. Natürlich nur, wenn man an Wunder glaubt.« Ihr Lächeln zauberte eine Unzahl von Fältchen auf ihr Gesicht. »Was treibt Sie eigentlich nach Höxter?«

Zögernd berichtete Ludwig vom Zweck seiner Reise. Dass er auf die ärztliche Kunst von Professor Z. setze. Zugleich wunderte er sich, warum er einer wildfremden Frau seine persönliche Geschichte erzählte.

Die Dame bemerkte seine Irritation und entschuldigte sich: »Meine Neugier ist quasi Berufskrankheit. Ich war bei der Kriminalpolizei. Wieso sind Sie denn von der Kunst von Professor Z. überzeugt? Warum glauben Sie ihm mehr als den anderen Ärzten?« Ludwig starrt sie verwirrt an: »Was haben sie gegen den Professor? Auf seiner Internet-Seite gibt es Dutzende von Fällen, die für seine ärztliche Kompetenz sprechen. Und meine erstes Telefonat mit ihm hat mir sofort Hoffnung vermittelt.«

Die weißhaarige Dame lachte. Inzwischen dämmerte es. In dem Haus neben der Straße warf ein Fenster seinen gelben Schein auf die Wiese. »Ich habe nichts gegen Z. Aber ist es nicht ziemlich blauäugig, seine Hoffnung auf jemanden zu setzen, den man nur aus dem Internet kennt?«

Darauf hatte Ludwig keine Antwort. Die ehemalige Kriminalbeamtin half ihm aus seiner Verlegenheit: »Hoffnung ist eine seltsame Sache: Setzt man sie in einen Menschen, wird sie oft enttäuscht. Vertraut und hofft man auf Gott, gibt es keine Enttäuschungen. So erging es Martin Luther in einer schweren Erkrankung. Er setzte seine Hoffnung nur auf Gott, als er das heilkräftige Wasser eines Brunnens trank. Es half: Sein intensiver Glaube heilte ihn.«

»Wer kann denn in dieser brutalen Welt noch an einen Gott glauben?« Ludwig unterstrich seine Worte mit einer abweisenden Geste. »Ich bin überzeugter Atheist und damit bisher gut gefahren! Religion ist ein Krückstock für die Einfältigen. Sie glauben doch nicht etwa an Gott?«

Die Dame nickte aus tiefster Überzeugung. Ludwig erahnte die Bewegung der Weißhaarigen in der Dunkelheit nur. »Ohne den Glauben an Gott hätte ich meinen Beruf und die Ungerechtigkeiten, mit denen ich konfrontiert wurde, nicht lange ausgehalten.« Eine Weile blieb es still. Der Schein des Fensters erlosch. Einige Sterne funkelten zwischen langsam dahinziehenden Wolken.

»Möchten Sie noch einen Schluck?« Sie reichte Ludwig den Becher. »In kleinen Schlucken trinken. Und vor dem Schlucken im Mund bewegen. Dann hilft es garantiert. Gerade jetzt, wo es weihnachtet.«Ludwig trank zwar, blaffte die Dame aber zornig an: »Wunderheilung? Ist doch Quatsch! Nur Idioten glauben daran.« Abrupt stand er auf und lief Richtung Stadt davon.

Mit dem Handy beleuchtete er den Weg vor sich, um nicht zu stürzen. Im Hotel warf er sich aufs Bett, ohne seine Kleidung abzulegen. Von Schmerzen und Zweifeln gequält, dauerte es lange, bis er einschlief. Die Dame von der Quelle geisterte durch seine Träume.

Hiobsbotschaft

Vor dem Frühstück am nächsten Morgen fragte er an der Rezeption nach seinem Wagen: Der sei fertig und würde gegen zehn Uhr zum Hotel gebracht. Ludwig möge in aller Ruhe frühstücken. Erfreut machte er sich auf zum Frühstücksraum und schaute sich dabei die Auslagen der hell beleuchteten Vitrinen links und rechts des Ganges an.

Eine Ankündigung der Märchengesellschaft Höxter und ein daneben angehefteter Zeitungsausschnitt weckten seine Aufmerksamkeit: »Verbrechen und Wunder im Märchen – Vortrag mit musikalischer Untermalung von Kriminalrätin Dr. Vera Stappen«. Das von grauen Locken umrahmte Gesicht kam ihm entfernt bekannt vor. Dann schaute Ludwig auf das Datum der Zeitung: Der Vortrag hatte bereits vor fünf Jahren stattgefunden.

Eilig stellte er ein spartanisches Frühstück zusammen und war froh, endlich weiterreisen zu können. Die Reparaturkosten hielten sich in erfreulichen Grenzen. Zusätzlich hatte der Monteur den Wagen noch durchgecheckt, den Reifendruck geprüft und vollgetankt.

Die Fahrt zur Klinik verlief ohne weitere Aufenthalte. Professor Z. legte nach dem Aufnahmegespräche etliche Untersuchungen fest, die mehrere Tage in Anspruch nehmen würden. Ludwigs Ernährung wurde noch am gleichen Tag umgestellt. Die Untersuchungen kosteten Kraft. Eine Tomographie musste abgebrochen werden, weil er in dem röhrenden Ungetüm eine Panikattacke erlitt. Die Pflegerinnen beruhigten ihn: Sobald er die individuelle Spezialtherapie des Professors beginnen würde, ginge es ihm besser.

Ludwig schwankte zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Mit steigender Ungeduld brachte er die Reihe der Untersuchungen hinter sich: Er wollte endlich Gewissheit!

Der Professor bat ihn schließlich zum Abschlussgespräch. Nach einer Weile des Schweigens hob er in einer entschuldigenden Geste die Hände. »Der Tumor wäre an sich operabel.«

»Aber?« Angst schoss in Ludwigs Magen. Der Professor fuhr mit bedauerndem Gesichtsausdruck fort: »Leider hat sich der Tumor einen extrem ungünstigen Platz ausgesucht: Die Operation würden Sie nicht überleben.« Die Stille lastete schwer in dem mit Edelholz getäfelten Büro des Professors.

»Es tut mir leid, Ihre Hoffnungen enttäuschen zu müssen. Gegen die zu erwartenden Schmerzen verfüge ich allerdings über ausgezeichnete Medikamente aus eigener Entwicklung mit geringen Nebenwirkungen.

Nicht ganz preiswert, aber im Vergleich zu konservativer Therapie deutlich wirksamer. Ich stelle Ihnen gerne eine individuelle Medikation zusammen, sodass Sie mit Allem versorgt sind. Das macht Sie von anderen Ärzten unabhängig, um die Sie im eigenen Interesse einen großen Bogen machen sollten.«

Ludwig nickte schwerfällig. Er musste mehrfach schlucken, bevor er die Frage über die Lippen brachte: »Wie lange noch?«

Der Professor gab, bevor er Ludwig antwortete, telefonisch Anweisung, für den Patienten die erforderlichen Medikamente bereitzustellen. »Einige Wochen. Höchstens. Wenn der Tumor eine Gefäßwand durchbricht, geht es sehr schnell.«

Der Professor reichte ihm die Hand, klopfte ihm bedauernd auf die Schulter. »Sie können gerne die Zeit bei uns verbringen. Das würde Ihnen Vieles erleichtern.« Der Professor klang freundlich-verbindlich.

Benommen taumelte Ludwig aus dem Büro. Aus, vorbei! Die Gedanken rieselten durch seinen Kopf: Soll er in der Klinik auf seine Ende warten? Entsetzen schüttelte ihn: Alles, nur das nicht. Bloß weg von dem Ort, an dem seine allerletzte Hoffnung wie eine Seifenblase platzte.

Glaube und lebe!

Ludwig packte, nahm das Medikamentensortiment nebst exorbitanter Rechnung in Empfang und stieg wie betäubt in den Wagen. Warum er wieder in Höxter Station machte? Er konnte es nicht erklären. In der Hotelbar betrank er sich.

Der nächste Morgen fand ihn mit trockener Kehle und pochenden Schläfen im gleichen Zimmer wie bei seinem ersten Besuch. Ludwig erinnerte sich nicht, wie und wann er ins Bett gekommen ist. Unrasiert und ohne Dusche warf er seinen zerknitterten Anzug über und schlurfte zum Frühstücksraum.

Nach dem ersten Bissen wurde ihm übel. Der starke Kaffee verschaffte ihm keine Linderung. Am liebsten hätte er seinen Zorn gegen Gott und die Welt laut heraus gebrüllt. Doch dazu fehlte ihm der Mut. Ziellos ließ er sich durch den Ort treiben. Irgendwann landete er zu seinem Ärger bei der Quelle im Taubenborn. Er fluchte aus tiefster Seele: »Zum Teufel mit Luther! Zum Teufel mit Gott!«

Eine brüchige Stimme ermahnte ihn, an diesem Ort der Heilung nicht zu fluchen. Ludwig drehte sich verlegen nach der Sprecherin um, die er vorher gar nicht bemerkt hatte: Es war die ältere Dame mit dem faltbaren Edelstahlbecher. Sie beugte sich zur Quelle hinunter und füllte den Becher für ihn. Trotz seiner Abneigung stürzte er die kalte Flüssigkeit durstig hinunter und schüttelte sich. Die ältere Dame musterte sein ungepflegtes Äußeres: »Sie müssen in Zukunft mehr auf sich achten, junger Mann!« Ludwig lachte, bis ihm die Tränen kamen. »Für welche Zukunft denn? Ich habe keine Zukunft mehr!«

Die Dame schüttelte bedächtig den Kopf, trank selbst in kleinen Schlucken von dem Quellwasser. »An diesem Ort hat jeder eine Zukunft! Niemand weiß das besser als ich. Wenn die Not am größten, ist der Herrgott am nächsten. Glauben Sie nicht, das sei nur ein dummer Spruch!« Sie hielt ihm den erneut gefüllten Becher hin.

»Wenn es Ihnen hilft, ist es ja gut. Ihre Zuversicht habe ich leider nicht, nachdem mir mein Arzt eröffnet hat, dass ich bald unter Schmerzen krepieren werde«, klagte Ludwig. Wütend klappt er den Becher zusammen, Wasser tropfte über seine Finger.

Die Dame zog Ludwig den Becher aus der Hand, entfaltete ihn wieder und hielt ihn unter den Strahl der Quelle. Während das Wasser in den Becher gluckerte, lächelte sie Ludwig unwiderstehlich an: »Es ist das Wasser des Lebens! Denken Sie an Martin Luther: ›Wer an mich glaubt, wird leben ...‹«

Ludwig schüttete den Inhalt des Bechers in seine ausgetrocknete Kehle, dankte der Dame müde mit einem Kopfnicken und stolperte zurück zum Hotel. Der Ausflug hatte ihn total erschöpft.

In der Nacht kam er nicht zur Ruhe: Als ob der Schlaf vor ihm fliehen würde. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere und bat die Rezeption um sechs Uhr telefonisch, die Rechnung zu erstellen: Er wollte nur noch nach Hause und sich vor der verdammten lebenslustigen Welt verbergen.

Ludwig zerrte den Rollenkoffer hinter sich her zum Aufzug. Dort brach er bewusstlos zusammen und erwachte in einem schlichten Krankenzimmer. Jemand in einem weißen Kittel beugte sich über ihn. »Hören Sie mich? Was war denn mit Ihnen los?«

Ludwig fühlte sich schwach, hatte aber keine Schmerzen. Mühsam erklärte er, sein Zusammenbruch hinge wohl mit dem Tumor zusammen. Wahrscheinlich habe er jetzt eine Gefäßwand durchbrochen. Der Arzt blickte ihn irritiert an: »Welcher Tumor?« Ludwig zweifelte bereits an der Kompetenz des Provinzkrankenhaus-Arztes. »Meine Ärzte haben mich aufgegeben. Selbst Professor Z. konnte mich nicht mehr operieren, weil der Tumor so ungünstig sitzt.«

»Sie haben keinen Tumor«, entfuhr es dem Arzt ungeduldig. Ludwig widersprach voller Ärger: »Das ist doch Quatsch! Ultraschall, Röntgenaufnahmen, Computer-Tomographien zeigen allesamt das Gleiche: einen Tumor. Das ist bis zum Erbrechen dokumentiert!«

Der Arzt lachte bitter: »Damit können wir auch dienen. Und ich versichere Ihnen, da ist nichts! Nicht die Spur eines Tumors! Glauben Sie doch nicht einem Scharlatan wie Professor Z. Sie wären nicht der Erste, dem er Hoffnung gemacht hat, um ihm anschließend viel Geld für seine nutzlosen Schmerztherapien aus der Tasche zu ziehen.«

Ludwig wusste nicht, was er davon halten sollte: »Wieso Scharlatan? Das ist doch eine seriöse Klinik. Spezialisiert auf hoffnungslose Fälle wie mich. Wenn alle anderen Ärzte aufgegeben haben.«

»Das soll ja auch seriös wirken. Schließlich will er Ihr Geld. Und viele, die nach langem Leidensweg bei ihm landen, sind tatsächlich hoffnungslose Fälle. Darauf spekuliert der saubere Herr Professor. Denn dann kann er ihnen Placebos als teure Spezialtherapie verkaufen.«

Der Arzt redete sich in Rage. »Glauben Sie mir, wir kennen Professor Z. zur Genüge. Die Polizei konnte ihm nur noch nicht das schmutzige Handwerk legen. Abgesehen davon, gehören Sie gar nicht zu seiner Zielgruppe: Sie sind nicht todkrank!«

Ludwig verstand die Welt nicht mehr. »Aber die anderen Ärzte. Ich bin doch von Pontius zu Pilatus geschickt worden. Als ich den Professor im Internet fand, kam mir das wie ein Zeichen vor. Ich bin mit allen Unterlagen zu ihm gefahren. Schauen Sie in meinem Koffer nach: Da sind Dutzende von Röntgenaufnahmen drin.«

Der Doktor nickte beruhigend: »Wir schauen uns Ihre Unterlagen in Ruhe an. Bringen Sie sie vorbei. Heute Nachmittag reden wir weiter. Vielleicht finden wir ja die Ursache für Ihren Zusammenbruch. Gehen Sie in der Zwischenzeit Spazieren. Frische Luft täte Ihnen sicher gut.«

Ludwig lieferte seine Unterlagen ab und tigerte nervös im Hotel auf und ab. Die Rezeptionistin wurde auf ihn aufmerksam: »Ist alles in Ordnung? Kann ich etwas für Sie tun?« Ludwig winkte ab und floh in den Gang zum Restaurant.

Vor der Vitrine mit der Ankündigung der Märchengesellschaft hielt er inne, schaute sich das Bild genauer an: Das war zweifelsfrei die Dame von der Quelle! Neben ihm blieb jemand stehen. »Das Bild wurde vor fünf Jahren aufgenommen. Nur wenige Tage vor ihrem Tod. Frau Dr. Stappen ist viel zu früh verstorben. Ihr Glaube an das Weihnachtswunderwasser aus der Quelle im Taubenborn hat zwar etlichen anderen geholfen, aber ihr selbst leider nicht.«

Ludwig schaute den bärtigen Mann mit offenem Mund an: »Sie ist … tot? Seit fünf Jahren? Aber ich habe sie doch die Tage erst gesehen! Ich …« Er verstummte abrupt: In der Seitentasche seines Jacketts fühlte er einen runden Gegenstand. Konsterniert zog er einen zusammengefalteten Edelstahlbecher hervor. In der Innenseite des Deckels leuchtete eine eingravierte Inschrift: »Glaube und Lebe!« Der Bärtige fragte erstaunt: »Sie kannten Frau Dr. Stappen? Sie benutzte auch so einen Edelstahlbecher.«

Ludwig brummte ein unverständliches »Mhhh« und beeilte sich, ins Krankenhaus zu kommen. Er wunderte sich nicht, dass die Ärzte kopfschüttelnd alte und neue Röntgenaufnahmen verglichen: Er war gesund! Keine Spur eines Tumors auf den neuen Aufnahmen.

Beschwingt schritt er die Treppe in der Eingangshalle hinunter. Seine Finger glitten über die Inschrift im metallenen Deckel des Bechers, während sein Blick lange auf dem Engel mit den goldenen Flügeln vor dem Eingang des Krankenhauses ruhte. »Glaube und lebe«, murmelte er.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing


Vernon Dure

Die blaue Katze

Leo

Leo putzte sich ausgiebig: Sein Frauchen – sein persönlicher »Kühl­schrank- und Dosen­öffner«, wie er sie insge­heim nannte – hatte mal wieder seinen Geschmack genau getroffen.

Noch am späten Vor­mittag hatte es so gar nicht nach einem guten Tag ausgesehen: Frauchen schimpfte ständig und schob Leo immer nur zur Seite, wenn er laut miauend seine Kuschel­stunden auf ihrem Schoß einfor­derte. Am Ende hatte er sie sogar am Ärmel gezupft, um ihre Aufmerk­samkeit zu erregen.

Pech: Es klingelte – und Frauchen beachtete ihn wieder nicht. Leo hoffte zunächst, das Paket mit seinem Lieblings­futter sei gekommen. Doch Frauchen hatte nur eine blauen Dose und eine geöffnete Schachtel in den Händen. Das konnte ja nichts Tolles für ihn sein: Die Dose war viel zu klein! Frauchen setzte sich auf das Eck­sofa und öffnete behutsam die blaue Dose. Dabei summte sie leise eine Melodie. Leo hin­gegen brummelte unzu­frieden vor sich hin: Wenn Frauchen sich so verhielt, verlief der Tag immer ganz anders als ein »normaler« Tag. Er zog sich vorsorg­lich unter das Sofa zurück und lugte nur hinter einem Fuß hervor, wo er sie gut im Blick hatte.

Nicht, dass er »besondere« Tage in schlechter Erinne­rung gehabt hätte. Aber die damit einher­gehende Unge­wissheit ließ ihn bereits wieder ganz kribbelig werden. Weil ihn das entspannte, begann er, sich zu putzen. Die beruhi­gende Wirkung stellte sich umgehend ein: Frauchen füllte seinen Napf mit wun­derbar duf­tendem Futter. Leo schleckte eifrig. »Den brauche ich ja gar nicht mehr zu spülen«, lachte Frauchen, als er schnurrend um ihre Beine strich.

Satt und müde blinzelte Leo hin und wieder zu der blauen Dose hinüber, die noch immer auf dem Tisch lag. Schließlich stand Frauchen auf und verließ den Raum. Darauf hatte Leo nur gewartet: Vor Neugier hielt er es nicht mehr aus. Er sprang auf das Sofa, von dort auf den Tisch und schlich vorsichtig um die Dose herum: Kein inter­essanter Geruch, nur ein Anflug von Farbe und Metall. Beknabbern ging auch nicht, denn sie rollte davon, wenn er seine Zähne an ihr auspro­bieren wollte. Zum Spielen taugte sie auch nicht: Das lang­weilige Ding machte nicht einmal spannende Geräusche.

Offensichtlich hatte Frauchen das Interesse genauso schnell verloren, denn sie hatte die Dose einfach liegen lassen.

Leos linke Vorderpfote – die immer so eigen­willige Sachen machte, wenn er etwas nicht mochte – schüttelte sich und gab der blauen Dose einen Schubs, während er vom Tisch auf das Sofa und von dort mit einem Satz in seinen Korb sprang, ohne dem langwei­ligen Ding noch einen Gedanken zu widmen. Doch plötzlich hörte er ein leises Geräusch vom Tisch: Die Dose rollte langsam auf die Tisch­kante zu. »Au weia«, dachte Leo, »das geht nicht gut.« Wenn Frauchen sich umdrehte und die Dose auf dem Boden lag, gäbe es garantiert Ärger.

Kurzentschlossen sprang er auf den Tisch, doch zu spät: Die Dose fiel vor seinen Augen in die Tiefe. Trudelnd prallte sie mit hässlichem »Plonk, plonk, plonk« auf den Boden, rollte ein paarmal hin und her und lag still. »Miau« klagte Leo: Die blaue Dose hatte nun eine deutliche Delle. Frauchen würde wissen, dass er der Übel­täter war. Merkwür­digerweise wusste sie immer Bescheid, wenn er etwas ange­stellt hatte. Sogar, wenn sie gar nicht dabei war! Mit dem zu erwar­tenden Donner­wetter war der Tag wohl ge­laufen.

Frauchen drehte sich in der Tür prompt bei dem Geräusch um. Sie kam zurück, bückte sich, hob die Dose auf, schüttelte sie leicht und zog ein ärger­liches Gesicht, als sie drinnen ein Klirren hörte. Leo machte sich klein und tat unbe­teiligt. Schließlich ging ihn diese Dose gar nichts an.

Frauchen öffnete die blaue Dose, schüttelte einen Gegen­stand heraus und spähte in das Innere der Dose. Dann zupfte sie mit dem kleinen Finger einen Zettel heraus, entfaltete ihn und strich ihn auf dem Tisch glatt. Dabei knisterte das Papier vernehm­lich unter ihren Händen. Nachdem sie den anderen Gegen­stand mehrfach in ihren Händen hin und her gewendet hatte, murmelte sie erfreut, »Glück gehabt«. Sie setzte die neue Lese­brille probeweise auf und wandte sich wieder der Tür zu, ohne Leo eines Blickes zu würdigen. Rasch hüpfte Leo auf den Tisch und inspizierte den entfalteten Zettel.

Eine blaue Katze schaute ihn mit großen Augen durch eine Brille mit runden, blinkenden Gläsern aus dem Papier heraus an. Leo umkreiste das zerknitterte Stückchen blassen Tranparent­papiers. Die Katzen­augen schienen seinen Bewegungen zu folgen. Leo schüttelte sich: »Blaue Papier­katzen können niemanden mit ihrem Brillen­blick verfolgen!« Das wusste er von den bunten Papier­stücken, die Frauchen sich immer vor die Augen hielt und ihm daraus erzählte, was in der Menschen­welt so vor sich ging. Leo mochte das Papier, weil es sich geräusch­voll zerfetzen und durch die Luft wirbeln ließ. Aber noch nie hatte ihn eines der Bilder mit den Augen verfolgt.

Gelangweilt wandte sich Leo ab, wollte elegant zum Sofa hinunter springen. Da hatte er das kribbelnde Gefühl, beobachtet zu werden. Mit bebenden Schnurr­haaren wandte er sich um und zuckte zusammen: Frauchen stand in der Tür und sah genauso aus, wie die blaue Brillen­katze auf dem Papier! Abwehrend schüttelte er seine Vorder­pfote, der Zettel geriet in Bewegung und segelte unter das Sofa. Frauchen hatte das Malheur wohl nicht bemerkt, denn sie verschwand mit ihrem Brillen­katzen­gesicht im Neben­zimmer.

Leo sprang dem Zettel hinterher und schnüffelte daran. Es knisterte unter seiner Nase. Wieder schien es, als verfolge die Brillen­katze seine Bewegungen. »Lass das, du Flohsack«, mur­melte jemand mit leicht verärger­tem Unter­ton, aber nicht unfreund­lich. Leo spähte umher, wer denn da ihm gegen­über so eine dicke Lippe riskierte. Doch da war niemand. Verwun­dert beäugte er wieder den knistern­den Zettel: Die Brillen­katze blickte ihn durch­dringend aus dem Papier an, rührte sich aber nicht. Leo umrun­dete den Zettel erneut, ließ dabei die blaue Brillen­katze keine Sekunde aus den Augen. Doch außer, dass sie ihn immer­zu an­schaute, geschah nichts.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing
Zeichnung der blauen Katze: Josie A.


Vernon Dure

Der Handleiher

Aus dem Leben des Johan­nes Nessel

Näher, mein Gott, zu Dir

Seine Hände glitten sanft über die dünne Decke hinauf zu seiner schmer­zenden Brust. Doch er spürt schon seit einigen Tagen nicht mehr das beru­higen­de Pul­sieren in seinen Hän­den, das ihn sein ganzes Leben beglei­tete. »Hat sich der All­mächtige nun endlich ent­schlossen, mich zu sich zu rufen.» Johannes stellte es ohne Bedauern fest. So war es immer, so würde es ewig bleiben: Vertraue auf GOTT, Deinen HERRN! Das war Johannes simple Lebens­regel, seit er seine ›heilend­en Hände‹ entdeckt hatte. Der Schmerz atmete tief, um sich für den nächsten, vielleicht den letzten, Angriff zu rüsten. Johannes ent­spannte sich und sank in einen unruhi­gen Schlaf.

Der Ruf

Der Junge schreckte auf: Jemand hatte ihn gerufen. Sitzend lauschte er in die Dunkel­heit. Der Morgen war noch fern. Leicht­füßig schlüpfte er die Stiege hinunter und horchte erneut in die kalte Nacht. Nichts! Er wandte sich bereits wieder der Stiege zu, als ein Flüstern in seine Ohren drang. Wie aus großer Ferne wehte eine sanfte Stimme heran.

Der Junge erspürte eine unge­heure Kraft unter dem Flüstern: »Johannes! Spute Dich! Deine Schwester bedarf Deiner Hilfe. Spüre Deine Hände und hilf ihr!«

Er stand einen Moment verwirrt und un­schlüssig auf der großen Tenne. Woher kam die Stimme? Kein Schatten, kein Atmen, keine Bewe­gung verriet die Anwe­sen­heit eines anderen Menschen. Johannes zog ängst­lich die Schultern hoch. Neuer­dings hörte er häu­figer eine fremde Stimme, die ihm dies oder das auftrug. Manchmal waren es Dinge, die für einen Fünf­jährigen ganz schön schwer waren. Doch meist war es einfach: Er sollte nur seine Hände spüren, wenn es jeman­dem schlecht ging.

Seine Hände wussten immer von selbst, was zu tun war, wo es weh tat. Oft waren die Kranken anderer Mei­nung und wollten seine Hände dort­hin schieben, wo sie den Quell des Schmerzes vermu­teten. Aber seine Hände irrten sich nie! Sie fühlten sich in diesen Momenten so merkwürdig an: pelzig und prall.

Wenn Johannes sich ganz vergaß, machte GOTT etwas mit seinen kleinen Händen – und das Schlechte, das Krank­machen­de wurde schwächer und verschwand schließlich.

Johannes dachte immer: »GOTT leiht sich meine Hände, ohne dass ich ihn sehen kann. Aber ich spüre ihn ganz fest in meinen Händen.« Er hoffte immer noch gegen alle Vernunft, den Allmäch­tigen einmal zu Gesicht zu bekommen. Er lachte, während er barfuß durch die Nacht lief. Die Kühe im Stall würden es schon einige Stunden ohne ihn aus­halten. Zur Melk­zeit wäre er bestimmt zurück.

Lisa

»Wo kommst Du denn her, Johannes? Du solltest doch bei den Kühen bleiben. Marsch, geh sofort zurück!« Die Mutter sagte es barsch, doch nicht unfreund­lich. Johannes fühlte ihre Sorgen in ihrer Stimme. »Ich wollte nur nach Lisa schauen. Sie braucht meine Hilfe, hat GOTT zu mir gesagt. Da musste ich doch gehor­chen.« Seine Mutter nickte ge­quält: Manch­mal nervte der naive Gottes­glaube ihres jüngsten Sohnes gewal­tig. Aber da ihn in solchen Momen­ten nichts und niemand von seiner Ab­sicht ab­halten konnte, ließ sie ihn achsel­zuckend gewähren.

Vielleicht war es ja auch gut so: Lisa war todkrank. Arzt und Priester waren ausnahms­weise einmal einer Meinung: Mit ihrer Tochter Lisa ging es rasch zu Ende. Noch einige Tage, einige Wochen mochten ihr vergönnt sein. Sie fühlte Bitter­nis in sich aufstei­gen. Ihre Tochter würde nicht am Grab ihrer Mutter beten und an sie denken. Der Schmerz in diesem Gedanken sprengte der Mutter fast die Brust. Konnte das Gottes Wille sein? Das musste es wohl, denn nach mensch­lichem Ermessen gab es keine Hoff­nung, keine Hei­lung.

Ein lauter Schrei, der in ein erlöstes Stöhnen über­ging, riss die Mutter aus ihren trüben Gedanken. »Lisa!« Aus ihrer Kammer war der Schrei ertönt. Was hatte Johannes wieder ange­stellt? Das Bild, das sich ihren Augen bot, konnte schreck­licher nicht sein: Lisa wälzte sich nackt und stöhnend auf dem Boden, als würden Krämpfe sie schütteln. Johannes stand über ihr mit blut­tropfen­den Händen und blickte angst­voll auf seine halb­wüch­sige Schwester hinunter. Das Blut an seinen Händen schien er nicht wahr­zu­nehmen.

»Was hast Du getan?«, schrie die Mutter entsetzt. Grob stieß sie ihn zur Seite und kniete neben ihrer Toch­ter nieder. »Nichts!«, protes­tierte Johannes em­pört. Doch seine Mutter hörte ihn nicht: Mit klammem Herzen beugte sie sich zu Lisa hinunter, deren Stöhnen in­zwischen in ein hei­seres Lachen über­ge­gangen war. Keuchend und lachend setzte Lisa sich auf, hockte ihrer Mutter gegen­über. Der magere Körper, der erste frauliche Run­dungen an­deutete, bebte im Takt des Keuchens und Lachens. Dann sprang sie auf, zog ihre Mutter mit sich und tanzte im Raum umher, wie von der Taran­tel ge­bissen. Ver­wirrt drückte sie ihre Tochter an sich. Waren das die letzten Leben­saus­brüche vor dem Tod? Wo kam die leben­dige Kraft auf ein­mal her, mit der der schmale Leib um sie herum­wirbelte?

»Kind! Was ist mit Dir geschehen? Was hast Du denn?« Sie spürte den kindlichen Leib, der schon vom Tod gezeichnet schien. Doch da war etwas Neues, Anderes: Unbän­dige Lebens­energie tobte nun in ihrem Kind, das ihr wegen der schweren Geburt beson­ders ans Herz ge­wachsen war: Beinahe wären sie beide bei der Geburt gestor­ben. Sie schob Lisa verwirrt von sich. Dann erschrak sie heftig: Das Mal des Todes, die gewal­tige Geschwulst, die den Leib ihres Mädchens so grausig ent­stellt hatte, war fort! Nur eine hand­teller­große, rosa­farbene Stelle auf der bleichen Haut zeugte noch von ihrer Existenz.

»Er hat das gemacht!«, lachte Lisa und deutete auf Johannes. Der stand in einer roten Lache. Noch immer tropfte Blut von seinen herab­hängen­den Händen. Reg­los stand er, wie gebannt, ohne seine Umge­bung wahr­zu­nehmen.

»Was? Wie? Was hat Johannes gemacht?«, stotterte die Mutter konsterniert. »Johannes hat seine Hände auf meinen Bauch gelegt, während ich schlief. Sein Puls pochte so heftig, dass ich ihn deut­lich fühlen konnte. Dann gab es einen furcht­baren Ruck, als ob ich zer­rissen würde. Ich glaubte, ich sterbe. Plötzlich wurde ich ganz leicht – und alle Schmer­zen waren aus­ge­löscht. Ich fühle mich gesund, leben­dig, glück­lich!« Weinend flüchtete sie in die Arme ihrer Mutter. Die wandte sich ihrem er­starrt daste­hen­den Sohn zu. Mit Ent­setzen betrach­tete sie ihn, sah ihn an wie einen Fremden, der ihr zum ersten Mal begeg­net.

Vor ihm niederkniend, rüttelte sie ihren Jüngsten und nahm ihn ernst in die Arme. Allmäh­lich löste sich seine Er­starrung. »Was hast Du denn, Mama?« Johannes schaute ihr fragend ins Gesicht. »Ich habe nur meine Hände gespürt. So, wie ER es mir gebo­ten hat.« Schau­dernd streichel­te sie über den Kopf des Jungen. Zwischen Angst und Ent­setzen schwan­kend, fragte sie sich, was aus ihrem Jungen werden würde.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing


Vernon Dure

Schwarze Kunst

Ein Kurzroman in Tweets

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln.

Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille.

Ungestört schlendere ich durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. »Sie interessieren sich für die Kunst des Druckens?«

Italienischer Akzent? Sein Gesicht bietet meinem Blick keinen Halt: nicht Mann, nicht Frau. Etwas dazwischen. Ein Zwitter-Gesicht auf einem Hals, der wie die Stange eines Kleiderständers aus einem unmodernen Anzug mit Weste ragt.

»Wieso fragen Sie?«, reagiere ich überrascht, denn ich halte ihn für eine Aufsicht des Museums. Er streckt mir wortlos einen abgeschabten Karton entgegen. Die Deckelseiten sind nach innen gefaltet.

Ich erkenne silbrig glänzende Lettern und eine Setzschiene, einen ›Winkelhaken‹, wie er mir erklärt. »Probieren Sie es.« Ich verstehe nicht, was er meint. »Setzen Sie etwas Bedeutsames. Das ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.«

Er betont das Wort ›Kunst‹, als schmecke er etwas Exquisites. Entschlossen stellt er den Karton auf einem Tischchen ab und verneigt sich leicht. Ohne Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, verschwindet er in den verzweigten Gängen. Ich zögere, will ihm ein »Nein. Vielen Dank!« hinterher rufen. Doch er ist schon fort. Nicht einmal seine Schritte höre ich.

Bin hin- und hergerissen: Sollte ich nicht einfach gehen? Oder doch bleiben?

Was soll das Ganze? Seufzend sinke ich auf einen Stuhl vor dem zerbrechlich wirkenden Tischchen. Wähle Lettern aus dem Karton und reihe sie auf der Tischplatte aneinander.

Geschwärzt vom häufigen Gebrauch stehen die Buchstaben spiegelbildlich vor mir. Die Bleisockel zeigen matten Glanz, fühlen sich klebrig an, wie geölt.

Ich setze wahllos Buchstaben auf den Winkelhaken. Etwas Bedeutsames soll ich setzen? Mir fällt nur der einfältige Satz »Wo bist Du? Ich bin hier« ein. Buchstabe für Buchstabe wühle ich aus dem Durcheinander im Karton heraus.

Unverständliches Geplapper aus dem Nebenraum lenkt mich ab: Da war doch niemand mehr. Ich springe auf und schaue in den angrenzenden Raum: Er ist leer. Nachdenklich kehre ich an das Tischchen zurück. Auf der Schiene steht ein Wort: »Lettern!«

Das habe ich nicht gesetzt! War jemand hier? Ich schüttele die Lettern in den Karton und beginne von Neuem. Setze Buchstabe für Buchstabe auf den schweren Winkelhaken: »Wo bist D...«.

Eine unsichtbare Kraft schiebt meine Buchstaben ungeduldig klappernd von der Schiene. Was immer ich nun setze, wie durch einen Zauber erscheint stets nur: »Lettern«.

Irritiert suche ich den älteren Herren, der mir den Karton in die Hand drückte. An der Kasse erfahre ich überrascht, dass es hier keinen älteren Herrn als Aufsicht gibt.

Da habe sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Die Bleilettern gehören entsorgt: in die Gitterbox neben dem Ausgang. Erleichtert lasse ich den Karton hinein fallen.

»Schwarze Kunst« wird fort­ge­setzt und zu ge­ge­be­ner Zeit als Taschen­buch/E-Book ver­öffent­licht.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing

Bild von ptra auf Pixabay


Vernon Dure

Der blaue Schirm

Erste Begegnung

Der Tag war wie geschaf­fen für eine Depres­sion. Ich hatte mich vor den Flu­ten des Himmels unter den Bal­kon über der Frei­treppe des Rat­hau­ses geflüch­tet. Trotz­dem war ich nass bis auf die Haut. Der dünne Pull­over über dem T-Shirt schien sich zu einem Eis­pan­zer um meine Brust zusam­men zu zie­hen.

Bibbernd beob­ach­tete ich den schwar­zen Strom, der sich mir ent­ge­gen­wälzte: Regen­schirme in allen Nuan­cen von Schwarz und Grau, der sich vor mir am Fuß der Treppe teilte. Nur einige unent­schlos­sene Schirme krei­sel­ten vor der Treppe herum, ohne sich für eine Rich­tung ent­schei­den zu kön­nen.

Von meinem erhöh­ten Stand­punkt aus wirk­ten die Schirme her­ren­los: Unter dem schub­sen­den, schie­ben­den, schwar­zen Gewu­sel blie­ben die Träger unsicht­bar. Mir drängte sich der Ein­druck eines hung­ri­gen Misch­wesens aus Kel­leras­sel und Tau­send­füß­ler auf. »Du soll­test nicht Bio­lo­gie stu­die­ren, son­dern Science-Fic­tion-Romane schrei­ben«, hörte ich im Geiste mei­nen Mit­bewoh­ner im Stu­den­ten­heim dozie­ren.

Während ich gewohn­heits­mäßig Block und Stift aus dem Ruck­sack zog, um meinen ›Kel­leras­sel-Tau­send­füß­ler‹ zu skiz­zie­ren, nahm ich eine irri­tie­rende Stö­rung am Rande mei­nes Gesichts­fel­des wahr. Mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen hob ich den Blick. Die Schwarz­front war gestört: Ein blauer Schirm tän­zelte ei­lig durch die Menge. Fast schien es, als wichen die schwar­zen Schirme vor der inten­si­ven Farbe zurück.

Fas­zi­niert ver­folgte ich den Weg des leuch­ten­den blauen Flecks auf mich zu. Ziel­sicher steu­erte der Schirm auf die Treppe zu, wich ele­gant den zöger­li­chen Kan­di­daten aus, die am Trep­pen­fuß umher­irr­ten. Stieg dann wie eine blaue Venus aus schwar­zem Was­ser die Treppe herauf. Mit offe­nem Mund starrte ich das gra­zile Mäd­chen an, das gerade den Knauf des Schir­mes in die andere Hand wech­selte. Dabei schüt­telte sie ihren Kopf, dass ihre hüft­lan­gen Haare sie umflos­sen wie eine nuss­braune Stola.

Lächelnd schenkte sie mir einen strah­len­den Blick und schwebte an mir vorü­ber. Gebannt von diesem Blick ver­passte ich die Gele­gen­heit, mit ihr das Ge­bäude zu be­tre­ten. Als ich end­lich auf­sprang und ihr folgte, war sie schon ver­schwun­den. Hek­tisch rannte ich die Gänge auf und ab, schaute in et­liche Räume, doch ich fand sie nicht. Mir blieb nur die Erin­ne­rung an strah­lend blaue Augen, eine braune Mähne – und einen blauen Schirm.

Dann ent­deckte ich die Regen­tropfen auf den Boden­flie­sen. Mein Herz begann zu rasen. Blind für alles andere has­tete ich auf der Spur der Tropfen ent­lang, an deren Ende ich SIE zu fin­den hoffte. Eine Tür ins Freie been­dete jäh mei­nen Freu­den­taumel: Sie hatte das Gebäude wie­der ver­las­sen, war im Trubel der Ein­kaufs­straße ver­schwun­den, ohne mir durch ihren blauen Schirm ein Sig­nal der Hoff­nung auf ein Wie­der­se­hen zu ge­ben.

»Der blaue Schirm« wird fort­ge­setzt und zu ge­ge­be­ner Zeit als Taschen­buch/E-Book ver­öffent­licht.

© 2020 Dipl.-Ing. Kurt-Rainer Daubach Publishing