Geschichten

Weihnachts­Wunder­Wasser

Die Quelle

Es war einer der schlechteren Tage: Nach dem Aufwachen hatte er das Gefühl, unterhalb seines Kehlkopfes dränge der Korken einer heftig geschüttelten Champagner-Flasche nach Befreiung. Er versuchte noch, den aufsteigenden Schmerz zu ignorieren, der schließlich explodierte und nadelspitze Pfeile tief in Ludwigs Bauchhöhle jagte.

Ein Dutzend Ärzte hatte er bereits aufgesucht. Alle hatten sie ihn nach den Untersuchungen als unheilbar abgeschrieben. Nun hoffte er, sein Leidensweg fände bald ein Ende: Professor Z. war seine letzte Hoffnung, an die er sich verzweifelt klammerte. Die Internet-Seite der Spezialklinik war ihm wie ein Wink des Himmels erschienen.

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Die blaue Katze

Leo

Leo putzte sich ausgiebig: Sein Frauchen – sein persönlicher »Kühl­schrank- und Dosen­öffner«, wie er sie insge­heim nannte – hatte mal wieder seinen Geschmack genau getroffen.

Noch am späten Vor­mittag hatte es so gar nicht nach einem guten Tag ausgesehen: Frauchen schimpfte ständig und schob Leo immer nur zur Seite, wenn er laut miauend seine Kuschel­stunden auf ihrem Schoß einfor­derte. Am Ende hatte er sie sogar am Ärmel gezupft, um ihre Aufmerk­samkeit zu erregen.

Pech: Es klingelte – und Frauchen beachtete ihn wieder nicht. Leo hoffte zunächst, das Paket mit seinem Lieblings­futter sei gekommen. Doch Frauchen hatte nur eine blauen Dose und eine geöffnete Schachtel in den Händen. Das konnte ja nichts Tolles für ihn sein: Die Dose war viel zu klein!

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Der Handleiher

Näher, mein Gott, zu Dir

Seine Hände glitten sanft über die dünne Decke hinauf zu seiner schmer­zenden Brust. Doch er spürt schon seit einigen Tagen nicht mehr das beru­higen­de Pul­sieren in seinen Hän­den, das ihn sein ganzes Leben beglei­tete. »Hat sich der All­mächtige nun endlich ent­schlossen, mich zu sich zu rufen.» Johannes stellte es ohne Bedauern fest. So war es, so würde es ewig bleiben: Vertraue auf GOTT, Deinen HERRN!

Das war Johannes simple Lebens­regel, seit er seine ›heilend­en Hände‹ entdeckt hatte. Der Schmerz atmete tief, um sich für den nächsten, vielleicht den letzten, Angriff zu rüsten. Johannes ent­spannte sich und sank in einen unruhi­gen Schlaf.

Der Ruf

Der Junge schreckte auf: Jemand hatte ihn gerufen. Sitzend lauschte er in die Dunkel­heit. Der Morgen war noch fern. Leicht­füßig schlüpfte er die Stiege hinunter und horchte erneut in die kalte Nacht. Nichts! Er wandte sich bereits wieder der Stiege zu, als ein Flüstern in seine Ohren drang. Wie aus großer Ferne wehte eine sanfte Stimme heran.

Der Junge erspürte eine unge­heure Kraft unter dem Flüstern: »Johannes! Spute Dich! Deine Schwester bedarf Deiner Hilfe. Spüre Deine Hände und hilf ihr!«

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Schwarze Kunst

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln.

Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille.

Ungestört schlendere ich durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht.

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Der blaue Schirm

Erste Begegnung

Der Tag war wie geschaf­fen für eine Depres­sion. Ich hatte mich vor den Flu­ten des Himmels unter den Bal­kon über der Frei­treppe des Rat­hau­ses geflüch­tet. Trotz­dem war ich nass bis auf die Haut. Der dünne Pull­over über dem T-Shirt schien sich zu einem Eis­pan­zer um meine Brust zusam­men zu zie­hen.

Bibbernd beob­ach­tete ich den schwar­zen Strom, der sich mir ent­ge­gen­wälzte und sich vor mir am Fuß der Treppe teilte: Regen­schirme in allen Nuan­cen von Schwarz und Grau. Nur einige unent­schlos­sene Schirme krei­sel­ten vor der Treppe herum, ohne sich für eine Rich­tung ent­schei­den zu kön­nen.

Von meinem erhöh­ten Stand­punkt aus wirk­ten die Schirme her­ren­los: Unter dem schub­sen­den, schie­ben­den, schwar­zen Gewu­sel blie­ben die Träger unsicht­bar. Mir drängte sich der Ein­druck eines hung­ri­gen Misch­wesens aus Kel­leras­sel und Tau­send­füß­ler auf. »Du soll­test nicht Bio­lo­gie stu­die­ren, son­dern Science-Fic­tion-Romane schrei­ben«, hörte ich im Geiste mei­nen Mit­bewoh­ner im Stu­den­ten­heim dozie­ren.

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